Freiheit im Gefängnis

„Freiheit im Gefängnis ist wie Wärme am Nordpol,“ schreibt ein Gefangener aus Bochum: “Sie muss künstlich erzeugt werden, innerhalb der Mauern auf 8m2.“

In diesem Teil werden die Antworten von fünfundachtzig Gefangenen in Deutschland auf die Frage „Wo, wenn überhaupt, erleben Sie im Gefängnis Freiheit?“ vorgestellt. Es ist der vierte und letzte Teil einer Reihe über eine bundesweite Umfrage, die der Verein Freiabonnements für Gefangene 2023 zum Thema „Freiheit und Eingesperrtsein“ durchführt hat.

Paradoxon oder Selbstbetrug

Oft antworteten die Inhaftierten „überhaupt nicht“ auf die Frage, ob es im Gefängnis Freiheit gibt. Bei dieser Antwort gibt es jedoch häufig Hinweise darauf, dass sich ein ambivalentes Gefühl dahinter verbirgt. Zum Beispiel fügt ein Gefangener aus Bernau den Vorbehalt hinzu: „außer vielleicht in seinen Träumen, denn die kann niemand einsperren.“ Ein Gefangener aus Landsberg begründet sein „überhaupt nicht“ auf folgende Weise: „Im Gefängnis Freiheit erleben ist ein Paradoxon oder Selbstbetrug. Stundenweise Verdrängung durch Lesen, Sport oder TV ist ein schwacher Trost für die für immer verlorene Zeit.“ Mit den knappen Worten „Paradoxon oder Selbstbetrug“ benennt der Inhaftierte zwei Spannungsfelder, deren Wirkung bei allen Antworten zu spüren ist.

Innere gegen äußere Umstände

Das erste Spannungsfeld betrifft den Unterschied zwischen inneren und äußeren Umständen. Das, was er als „Selbstbetrug“ ablehnt, erkennen andere als die Freiheit der Gedanken an. „Auch wenn man deutlich eingeschränkt ist, so merkt man zunehmend, dass die Einschränkungen zum größten Teil im Kopf stattfinden und es etliche Möglichkeiten gibt, um sich vollständig frei zu entfalten,“ schreibt ein Gefangener aus Heilbronn. Für viele Befragte gehört die Phantasie oder der fluchtartige Rückzug in sich selbst zur Freiheit dazu. Ein Gefangener aus Eickelborn erlebt Freiheit „nur wenn ich träume, und an den schönen Sachen und dem Erlebten denke. Oder wenn ich lese, da schalte ich total ab, dann entfliehe ich der Realität.“ „Unter der Dusche mit geschlossenen Augen kann man vergessen, dass man in Haft ist,“ schreibt ein Gefangener aus Cottbus.

Im Allgemeinen wird aber der kompensierende – und insoweit mangelhafte – Charakter dieser inneren Freiheit angesichts der äußeren Beschränkungen hervorgehoben. „Für mich findet Freiheit hier im Kopf statt,“ schreibt Gefangenen aus Nürnberg: „Ich habe mir die Freiheit genommen, mich zu fragen, wo mein Lächeln geblieben ist. Freiheit ist es, so viel Zeit wie ich gerne möchte mit den Menschen zu verbringen, die ich liebe und das erlebe ich z. Zeit leider nur im Geiste.“

Eine große Unfreiheit, die kleinere Freiheiten in sich hält

Das zweite Spannungsfeld betrifft die Widersprüchlichkeit eines unfreien Menschen, der Freiheit erlebt. Es erscheint ganz deutlich im Motiv der Zellentür. Einerseits dient die Tür als das Sinnbild der Unfreiheit. Auf die Frage „Was bedeutet für dich Eingesperrtsein?“ schreibt ein Gefangener aus Burg: „Ich kann keine Tür alleine öffnen.“ Andererseits, wenn auch seltener, kann die Tür das Gegenteil verkörpern: „Die Freiheit im Gefängnis beginnt, wenn man es ‚Freiheit‘ nennen darf, wenn die Tür zu ist. Dann kann ich bestimmen, ob ich esse, tanze, TV sehe, Radio höre, im Parka oder nackt bin,“ schreibt ein Gefangener aus Bruchsal. So steht die Tür für eine große Unfreiheit, die kleinere Freiheiten in sich hält.

Wie hat man draußen gelebt?

Diese Widersprüchlichkeit hat mehrere Ebenen. Eine davon bezieht sich auf die Lebensumstände der Befragten, bevor sie in den Knast kamen. „Das Gefängnis hat mich insoweit verändert, dass ich in Freiheit einen 12–16 Std. Tag hatte,“ schreibt ein Gefangener aus Frankfurt: „Meine Frau schrieb in einem der ersten Briefe: ‚es ist nicht schön, dass du in Gefängnis bist, aber nutze die Zeit zum Runterkommen.‘“ Mehrere Befragten schreiben, dass sie jetzt „mehr Zeit für sich selbst“ haben. Ein Gefangener aus Darmstadt zieht einen beunruhigenden Schluss von seiner „Entlastung“:

„Es hat einige Monate gedauert, doch wurde mir erst hier klar, dass das Eingesperrtsein auch eine Befreiung ist. Jedes Detail des Lebens hier ist geregelt, durchorganisiert und von oben bestimmt, doch das befreit mich auch von allen Verpflichtungen… Die Hektik des Alltags ist ferne Erinnerung und man fühlt sich wie ein entmündigtes Kind ohne jede Last der Erwartung auf den Schultern. Hier erkannte ich, dass ich in ‚Freiheit‘ in meinem eigenen Gefängnis war, nur dass die Gitterstäbe damals unsichtbar waren. Eine seltsame befristete Freiheit vor deren Ende ich manchmal Angst habe.“

Relativität der Freiheit

Viele Befragten weisen darauf hin, dass „Freiheit“ im Gefängnis was anderes als draußen bedeutet. „Hinter Gittern ist es schon ein Stück Freiheit, wenn ich jeden Tag duschen kann. Oder mir einen Kaffee mache, den TV Sender wähle, den ich sehen möchte,“ schreibt ein Gefangener aus Werl. In diesem Hinblick wird betont, dass sich „Freiheit“ nur relativ definieren lässt: „Mit der Freiheit ist es wie mit dem Glück. Es ist ein zu großes Wort,“ schreibt ein Gefangener aus Offenburg: „Ich habe hier drinnen sehr schnell lernen müssen, kleine Momente der Freiheit zu schätzen. Das war eine bittere Pille, die stärkt.“

Die „kleinen Moment der Freiheit,“ die am häufigsten erwähnt werden, sind Besuche von Familie und Freunden. Es gibt auch vereinzelte Bezüge auf Beziehungen mit Vollzugsbediensteten oder anderen Gefangenen. Ein Befragter erwähnt den „Umgang mit den Vollzugs-Beamten, die dich als Mensch sahen. Der Umgangston, teilweise sehr vertraut, per Du. Die Annehmlichkeiten – kleine Aufmerksamkeiten als Danke schön, einfach so, für die Arbeit – die einem das Gefühl gaben, nicht eingesperrt zu sein.“

Der Blick nach außen

Neben zwischenmenschlichem Kontakt spielt der Blick „nach außen“ eine zentrale Rolle. „Das einzige mal, wo ich hier wenigstens etwas Freiheit erlebe, ist bei den Gerichtsterminen, wo wir in die Stadt fahren, wo ich andere Menschen sehe, mal wieder einen anderen Ort sehe,“ schreibt ein Gefangener aus Sehne: „Auch wenn man mir Handschellen auflegt, ist das schon ein sehr befreiendes Gefühl… und es hält meistens auch einige Tage, wenn einem bewusst wird, dass es da draußen ja auch noch ein Leben gibt.“ Ein Befragter beschreibt den Ausblick von der Zelle: „Die Wetterphenomäne beobachten können, Regenbogen etc. ohne großartig von Haftmauern beeinflusst (Blickfeld) zu sein. In Bayreuth durfte ich jahrelang auf das Richard Wagner Haus sehen, als es modernisiert wurde, oder ich konnte das Krankenhaus sehen, wenn dort täglich mehrmals ein Hubschrauber landete. Somit konnte man in seinen Gedanken und Gefühlen frei sein.“

Genauso wie mit Träumen, wird es hier angedeutet, dass es eine Ebene der Freiheit gibt, die die Haftstrafe nicht antastet: „Morgens vor Sonnenuntergang höre ich das Zwitschern der Vögel und fühle mich mit der ganzen Natur verbunden,“ schreibt ein Gefangener aus Rottenburg: „Wenn ich die Wolken ziehen sehe und die Jahreszeiten wechseln, so weiß ich, dass das Leben nicht einzusperren ist.“

Von Charlie Zaharoff, freier Mitarbeiter bei Freiabonnements für Gefangene e.V.

Foto: Lena Sophie Zeller