Teil 3: Veränderung

Nicht die bloße Bestrafung, sondern die „Resozialisierung“ des Gefangenen ist das Ziel des Strafvollzugs in Deutschland. Bevor beurteilt werden kann, ob das Gefängnis diesen Zweck erfüllt, sollten die konkreten, persönlichen Auswirkungen eines Gefängnisaufenthalts in einer realen Vollzugsanstalt genauer betrachtet werden. Der folgende Teil befasst sich deshalb mit den Antworten von fünfundachtzig Gefangenen auf die Frage: Hat das Gefängnis Sie verändert? Wenn ja, wie? Es ist der dritte Teil der insgesamt vierteiligen Reiheüber eine bundesweite Umfrage, die der Verein Freiabonnements für Gefangene über das Thema Freiheit und Eingesperrtsein 2023 durchgeführt hat.

Auseinandersetzung mit sich selbst

Fast alle befragten Inhaftierten haben auf die erste Frage „ja“ geantwortet – nämlich, dass das Gefängnis sie tatsächlich verändert hat. Obwohl die Natur der Veränderungen sehr individuell und zum Teil gegensätzlich zu sein scheint, ist vielen Befragten eine Erfahrung gemeinsam: viel Zeit alleine und ohne jegliche Beschäftigung zu verbringen. „Die Zeit, die man mit sich allein in der Zelle ist, man seinen Gedanken, Gewissen und Gefühlen ausgeliefert ist, die Zeit ändert einen,“ schreibt ein Gefangener aus Berlin.

Diese Auseinandersetzung mit sich selbst kann von Fall zu Fall sehr unterschiedlich ausgehen. Vergleichen Sie diese zwei Antworten: „Ich achte mehr auf die Signale meines Körpers, ich ernähre mich bewusster. Ich nehme meine Umwelt bewusster, intensiver, wacher wahr, alle Sinne sind durch die Reizarmut geschärfter“, schreibt ein Gefangener aus Nürnberg. Ein Gefangener aus Landsberg bekennt aber: „Ich bin abgestumpft, dicker und träge geworden. Die Nerven sind schwächer geworden, ebenso das Gedächtnis. Es geht immer weiter in Richtung Gleichgültigkeit und Apathie.“

Ambivalente Veränderungen

Oft wird eine vielfältige Mischung aus positiven und negativen Veränderungen geschildert. Einerseits behaupten viele Befragten, dass sie mehr über sich gelernt haben und dadurch friedlicher, bescheidener, und nachdenklicher geworden sind: „Ich bin nicht mehr das Großmaul, der ‚ich hau dir einen ein‘ Typ, schon lange nicht mehr…. Ich entdecke, dass ich zuhören kann, Verständnis aufbringe, weniger Vorurteile habe und weiß, ich bin ein wertvoller Mensch, wie mein Nachbar,“ schreibt ein Gefangener aus Bruchsal. „Die Folgen der Straftat … haben bei mir einen Prozess tiefer Selbstanalyse und Selbstkritik ausgelöst,“ schreibt ein Gefangener aus Celle.

Andererseits wird eine Tendenz – manchmal von den gleichen Befragten – beschrieben, reflektierter geworden zu sein, kälter, zurückgezogener und misstrauischer. Ein Gefangener aus Mannheim schreibt: „Ich bin sehr verschlossen geworden, und ich tue mir sehr schwer anderen Leuten zu vertrauen. Und ich habe gemerkt, dass ich sehr abgestumpft worden bin, und gefühlskalt.“ „Empathie ist in der Regel das erste Gefühl, das man/ich verliert bzw. verloren habe,“ schreibt ein Gefangener aus Hamburg.

Gegenseitiges Misstrauen, verkümmertes Sozialleben

Das Entstehen von Misstrauen scheint ein kollektiver Prozess zu sein. Der bereits oben zitierte Gefangene aus Nürnberg schreibt: „Die vielgelobte ‚Knastbrüderschaft‘ existiert in Wahrheit (leider) nicht, jeder ist sich selbst der Nächste.“ Eine Gefangene aus Chemnitz beschreibt die Knastkultur unter Frauen in ähnlicher Weise:

„Ich dachte wo ich hier ankam, dass man an einen so hoffnungslosen Ort füreinander da ist; dass man sich gegenseitig unterstützt und zur Seite steht; doch die Realität sieht anders aus. Hier lebt man grundsätzlich mit dem Motto: ‚Hast du was, bist du was.‘ Dazu kommt eine Prise Lügen, Oberflächlichkeit, Manipulationen, Egoismus, Verrat, Ausnutzen, leere Versprechen machen und und und. Dies ist einfach nicht meine Welt, es frisst mich manchmal wirklich auf und ich habe das Gefühl zu fallen.“

Eine Ausnahme bildet u.a. eine Gruppe von fünf Inhaftierten aus Berlin, die sich einmal pro Woche mit der Pfarrerin trifft und „über verschiedenes redet, Karten spielt, Kaffee und Kekse teilt, und auch mal einen Film schaut“. Ansonsten scheint das Sozialleben im Knast die Trennung vom Sozialleben in der Außenwelt kaum zu kompensieren. Ein Gefangener aus Freiburg schreibt: „Was schmerzhaft ist, zu sehen wie viele Mitgefangene unter dem Eingesperrtsein leiden, seelisch verdorren, ohne Sozialkontakte in die Außenwelt innerlich vertrocknen.“ Vereinzelung betrifft alle: „Verändert hat das Gefängnis meinen Standort. Vom Mittelpunkt einer Familie zu einem Einzelgänger, der ganz von vorne anfangen muss,“ schreibt ein Gefangener aus Bochum.

Wo führt die Veränderung hin?

Anstelle der Unterstützung durch Familie und Mitgefangene, tritt für manche Befragten die therapeutische Unterstützung. Ein Gefangener aus Uelzen schreibt: „Ja das Gefängnis hat mich verändert – auch durch die Therapie, die ich hier absolviere. Ich lerne, besser mit meinen Emotionen umzugehen, mehr Empathie zu zeigen und zuzulassen.“ Gleichzeitig ist zu bedenken, dass Vereinzelung und Stress im Knastalltag auch die Ursachen psychischer Probleme sein können: „Der Knast hat meine Depressionen verstärkt, die zwar behandelt werden – aber nicht gelöst,“ schreibt ein Gefangener aus Neumünster.

Die Frage, wie sie sich bisher verändert haben, bewegt viele Befragten zur Überlegung, wohin diese Veränderung führen wird. Manche sind optimistisch: “Seit mein Sohn auf der Welt ist, habe ich angefangen mir Gedanken über die Zukunft zu machen. Wie krieg ich mein Leben ohne Straftaten auf die Reihe. Der Maßregenvollzug und die Therapie helfen mir, dies zu bewerkstelligen,“ schreibt ein Gefangener aus Emstal. Für andere verheißt die bisherige Veränderung nichts Gutes. Ein Gefangener aus Bedburg-Hau schreibt: „Ich bin ‚kalt‘ geworden, brutaler, und meine kriminelle Energie hat sich enorm gesteigert.“ Ähnlich beschreibt ein Gefangener aus Werl seine erste Haftstrafe: „Ich war 18 Jahre alt und ein ‚normaler‘ Mensch. Nach den drei Jahren waren meine guten Eigenschaften verkümmert und die schlechten verstärkt. Für mich hatte der Staat drei Jahre meines Lebens gestohlen und dafür wollte ich ‚Entschädigung‘! Also ging die kriminelle Laufbahn weiter!“

Vereinzelt und abhängig

Mittlerweile hat die Veränderung dieses Gefangenen, der dann zum zweiten Mal inhaftiert wurde, eine neue Phase erreicht: „Ich weiß, daß ich am 25 Juni 2026 entlassen werde, ich versuchen werde mir ein Leben aufzubauen, und in ein paar Jahren wieder eine Mauer auf mich wartet, in die ich ungebremst hinein rasen werde … Zum ersten Mal bin ich dabei zu resignieren.“ Seine Worte werfen Licht auf zwei Muster, die bei vielen Antworten auffallen und die in ihrer Kombination alarmierend sind: erstens, dass Inhaftierte im Gefängnis vereinzelt werden; zweitens, dass ihre Unabhängigkeit auf Dauer untergraben wird. 

Der vierte und letzte Teil dieser Reihe, die sich mit der Freiheit im Gefängnis beschäftigt, wird diese besondere Art von Abhängigkeit näher betrachten.

Von Charlie Zaharoff, freier Mitarbeiter bei Freiabonnements für Gefangene e.V.

Foto: Lena Sophie Zeller