Eingesperrtsein

Auf die Frage „Was ist für Sie Eingesperrt sein?“ antwortet ein Gefangener aus Darmstadt: „Früher habe ich über den Film Brazil gelacht und Kafka gelesen. Heute lebe ich darin!“ Im ersten Teil dieser Reihe wurde dargestellt, wie der Begriff „Freiheit“ von Menschen definiert wird, die inhaftiert sind. Ihre Gedanken dazu wurden im Rahmen einer bundesweiten Umfrage von dem Verein Freiabonnements für Gefangene im Frühjahr 2023 gesammelt. In Teil 2 geht es um die Beschreibung ihres aktuellen Befindens.

Als Erwachsene entmündigt

Genauso wie die Definitionen von Freiheit oft negativ – im Sinne von „nicht eingesperrt sein“ – formuliert wurden, drehen sich viele der Erklärungen von „Eingesperrtsein“ darum, zu sagen, was man nicht machen darf: „Eingesperrtsein bedeutet für mich, wenn man einen schönen Sonnenstrahl sieht, nicht einfach hinausgehen zu können, Geburtstage zu verpassen, keinen Abschied nehmen zu können,“ schreibt ein Gefangener aus Bruchsal. „Ich darf meinen geliebten Hobbys nicht nachgehen, weil ich nichts auf meiner Zelle haben darf,“ schreibt ein Gefangener aus Freiburg: „Keine Farben zum Malen, keine entsprechenden Kleber, keine Pinsel. Ein Buch zu bekommen … ist fast Raketenwissenschaft. Unlängst musste ich meine geliebte Pflanze – mein letztes Stück grün – aufgeben.“

Viele der Befragten empfinden den Verlust ihrer Entscheidungsfähigkeit als eine Erniedrigung. „Ich werde als erwachsener Mann entmündigt und in den Zustand eines Kindes versetzt,“ schreibt ein Gefangener aus Rottenburg. Dabei spielt die Rolle von Überwachung eine wesentliche Rolle. „Briefe schreiben ohne Mitleser“ oder „Zeit mit geliebten Menschen zu verbringen, ohne dass ein(e) Dritte(r) darüber wacht“ sind typische Beschreibungen der Befragten, wenn sie ihren Wunsch nach Freiheit äußern. 

Die Gefängniswelt: Misstrauen, Kontrollverlust

Eingesperrtsein heißt zum einen ohne gewisse Freiheiten auskommen zu müssen, zum anderen besteht die Herausforderung darin, mit der Knastwelt klar zu kommen: „All die Zwänge, unter denen man hier steht, kommen zu dem Freiheitsentzug noch hinzu,“ schreibt ein Gefangener aus Uelzen. 

Meistens wird das Leben im Gefängnis in düsteren Farben gemalt: „Eingesperrtsein in U-Haft heißt, 23h einer 8m2 zu verbringen und 1h beim Hofgang im Kreis zu laufen, nicht zu wissen, wie es weitergeht,“ schreibt ein Gefangener in Rottenburg: „Was bleibt: das ständige Misstrauen der Beamten und der Gefangenen untereinander. Keine Nacht durchschlafen können, bei jedem Geräusch und jedem Schlüsselklirren zusammenzucken.“ Ein Gefangener aus Landsberg bezeichnet Eingesperrtsein als „totale Abhängigkeit, permanenten Druck, Kontrollverlust, Hilflosigkeit, ungesundes Essen, kalte und zu heiße Zelle, marode Anstaltskleidung, staubige Luft zwischen Toilette und Dreckwäsche.“

Der Gang in die Kleiderkammer

Allerdings weisen manche Befragten auch darauf hin, dass die Haft mit der Zeit erträglicher wird: „Viel schlimmer [als eingesperrt zu sein] ist es, eingesperrt zu werden,“ schreibt ein Gefangener aus Nürnberg:

„Nichts ist so schlimm, so entwürdigend, so inhuman wie der Gang in die Kleiderkammer. Es ist eine entsetzliche Prozedur, sich vor wildfremden Menschen nackt auszuziehen, in die Hocke gehen zu müssen … und anschließend dabei zusehen zu müssen, wie das letzte bisschen Privatsphäre in einem Kleidersack verstaut und weggeschlossen wird.“

Gewöhnung an den Vollzug

Langsam habe er sich aber an die Realität des Gefängnisses gewöhnt, berichtet der Inhaftierte weiter. In Bezug auf diesen Gewöhnungsprozess, unterstreichen mehrere Befragte die Monotonie des Alltags: „Eingesperrtsein ist für mich tägliche, langweilige, und unruhige Routine,“ schreibt ein Gefangener aus Sehnde. 

Aus den Antworten lassen sich verschiedene Kriterien für Lebensqualität im Vollzug erkennen: Tagesabläufe, Zellen- und Anstaltseinrichtungen, soziale Verhältnisse unter den Gefangenen sowie auch zwischen Gefangenen und Bediensteten. Diese Bedingungen hängen nicht nur von der Haftform ab – also ob sich ein Inhaftierter z.B. in Untersuchungshaft oder in einer forensischen Psychiatrie befindet – sondern auch von der konkreten Anstalt: „Hier tatsächlich ein großes Lob – es gibt viele Bedienstete, die wirklich menschlich sind,“ schreibt ein Gefangener aus Neumünster: „Davor fast 1,5 Jahre U-Haft in Flensburg, Knast auf Stand 1950 war extrem anders, kalt. Es spielt schon eine Rolle wie die ‚Umgebung‘ wirkt.“

Konsequenzen für die Familie

Manche Themen, die die Befragten beschäftigen, gehen über ihre eigene Lebensqualität im Gefängnis hinaus. Erstens wird von vielen betont, dass die Konsequenzen der Freiheitsstrafe nicht alleine von ihnen getragen werden. Für einen Gefangenen aus Lübeck bedeutet Eingesperrtsein: „Angst um meine Familie. Angst davor, dass ich meinen Kindern nicht helfen kann, sie in ihrer Entwicklung nicht unterstützen kann. Angst um meine Frau, weil sie jetzt alles allein managen muss. Angst meiner Mutter nicht helfen zu können.… Die Erkenntnis, dass das Sozialumfeld die Rechnung der Haft zu 99,9% trägt.“ Ein Gefangener aus Chemnitz schreibt: „Es kann einen Menschen sehr kaputt machen, einfach nur ‚Zuschauer‘ zu sein, obwohl es früher anders war and man auch jetzt da sein möchte.“

Belastende Vergangenheit, gefährdete Zukunft

Zweitens gibt es die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, die durch eine Therapie oder vielleicht einfach durch die reichlich vorhandene Zeit ausgelöst wird, die die Gefangenen alleine verbringen. Ein Gefangener aus Berlin schreibt: „Man selbst bereut was man getan hat, und fühlt sich bitter und man würde am liebsten die Zeit zurückdrehen aber man kann es nicht und die Tür öffnet sich auch nicht egal wie doll man bereut.“ 

Drittens gibt es die Konsequenzen der Strafe, die erst nach dem Gefängnisaufenthalt wirksam werden. Der Gefangener aus Uelzen schreibt über die „hohen finanziellen Schäden durch die Haft alleine, Rentenanspruchsverluste durch Unmöglichkeit einer Einzahlung, … keine freie Wahl bei Reisen mehr, da die Einreise verweigert wird.“ Ein Gefangener aus Freiburg schreibt: „Selbst nach der Entlassung wird man mich meiden, mich als Klischee betrachten, mir nicht trauen, mich hassen und mir wenig Chancen auf einen Neustart geben.“

Groll gegen das System

Solche Antworten sind von einer starken Enttäuschung oder einem Groll gegenüber dem Justizsystem geprägt: „Verwahrkultur ohne Resozialisierungsmission, die durch die Haft in Privatinsolvenz und Armut mündet,“ schreibt ein Gefangener aus Darmstadt. Neben der Angst um die künftige finanzielle Situation gibt es die Angst, nicht mehr außerhalb des Gefängnisses funktionieren zu können. „Dort wo vorher die Angst vor dem Gefängnis war, tritt die Angst vor der Freiheit,“ schreibt ein Gefangener aus Bochum. Wie ist es zu diesem Wechsel gekommen? Anders gefragt: wie wirkt sich der Freiheitsentzug auf einen Menschen aus? Im nächsten Teil der Reihe wird dieser Frage genauer nachgegangen.

Von Charlie Zaharoff, freier Mitarbeiter bei Freiabonnements für Gefangene e.V.

Foto: Lena Sophie Zeller