Eine Zeitung zu erhalten oder im Fernsehen die Nachrichten zu sehen, hat für Menschen, die vom Rest der Gesellschaft isoliert sind, eine andere Bedeutung. Ein Inhaftierter aus der Justizvollzugsanstalt Straubing schreibt dazu:
„Informationszugang ist für mich sehr wichtig, um über den Tellerrand, der in meinem Fall eine Mauer ist, zu blicken. Mich referenzieren, feststellen, dass es außerhalb der JVA – meinem Mikrokosmos auch noch einen Makrokosmos gibt. Am Tagesgeschehen, den Nachrichten, meiner Tageszeitung teilhaben – all das gehört für mich dazu, um hier drinnen nach über 20 Haftjahren als Erstmaliger einen Bezug zur Realität und Lebenswirklichkeit zu behalten.“
Was beinhaltet dieser mediale „Bezug zur Realität“? Auf welchem Weg erfahren Inhaftierte von den Ereignissen außerhalb der Mauer? Welche Themen beschäftigen sie am meisten? Welche Themen werden von der Presse vernachlässigt? Welches Bild der Welt „draußen“ hinterlässt ihr Medienkonsum in Haft?
Um diesen Fragen nachzugehen, hat Freiabonnements für Gefangene e.V. zwischen Oktober 2024 und Januar 2025 Gefangene bundesweit befragt. 150 Inhaftierte haben geantwortet. Das Bild vom Medienkonsum und Informationszugang in Haft, das aus der Umfrage hervorgeht, lässt sich nicht auf alle Gefangenen übertragen. Vielmehr stellt es die Meinungen derjenigen dar, die in diesem Zeitraum über den Verein ein Abonnement bezogen haben.
I. Wie informieren sich die Befragten?
Die Rückmeldungen zeigen, dass Fernsehen mit 89,2% die meistgenutzte Informationsquelle unter den Befragten ist, gefolgt von Printmedien mit 70,3%, Austausch mit anderen Menschen (z.B. Anrufe, Besuche, Briefe, Bedienstete, Mitgefangene) mit 33,8%, Radio mit 30,4%, Videotext mit 9,5% und Internet* mit 2,7% (das Sternchen weist darauf hin, dass das „Knast-Internet“ stark eingeschränkte Funktionen hat).

Die Abwesenheit des Internets
Was sofort auffällt, ist die nahezu vollkommene Abwesenheit des Internets – das heißt, der meistgenutzten Nachrichtenquelle außerhalb des Gefängnisses (Quelle: Reuters Institute Digital News Report 2024, Ergebnisse für Deutschland, S. 160). Ähnlich ist es bei den sozialen Medien, an vierter Stelle genutzte Informationsquelle „draußen“. Für die Befragten hat dieser fehlende Zugriff weitreichende Folgen. Es trägt unter anderem zu einer zeitlichen Kluft bei, die sich zwischen dem Gefängnis und der Außenwelt entsteht: „Die Zeit ‚draußen‘ bleibt nicht stehen“, schreibt ein Gefangener aus der JVA Aachen, aber: „In einigen deutschen Gefängnissen ist die Zeit bereits stehengeblieben. Es muss aufgepasst werden, dass die Uhren nicht anfangen, rückwärtszulaufen.“
Einige Befragte beschreiben ihren Versuch, den fehlenden Zugriff auf das Internet zu kompensieren. Ein Gefangener aus der JVA München schneidet “in der Woche für mich wichtige (Zeitungs-)Artikel heraus und hefte diese in einem eigens dafür angeschafften Ordner ab. Auf diese Weise habe ich mir eine Art kleine Bibliothek bzw. kleines Wikipedia aufgebaut.“ Ein Gefangener aus der JVA Waldheim hat die Möglichkeit, „über einen im Haftraum befindlichen Telefonanschluss 24h nach ‚draußen‘ telefonieren (auf privaten Kosten) zu können, … so können Informationen ‚außen‘ im Internet stellvertretend recherchiert werden.“ Manchmal übernehmen Bedienstete diese Rolle.
Für einen Inhaftierten aus der JVA Gelsenkirchen ist „der Briefverkehr der einzige Austausch mit der Welt da draußen“ (5,4% der Befragten haben „Briefe“ als Informationsquelle angegeben). Außerdem weist er darauf hin, dass der Informationszugang nicht nur durch Verbote beschränkt wird: „In der Haft ist es vielen Menschen leider aus finanziellen Gründen nur sehr schwer möglich, ein Zeitungs- oder Zeitschriftenabo abzuschließen. Auch die Gefangenenbüchereien bieten keine aktuellen Medien an … So bleibt für viele Gefangene nur der Fernseher. Und da setzt sich die Interessenlosigkeit und Lustlosigkeit der JVAs fort.“
Die Dominanz des Fernsehers
Selbst unter den Befragten – von denen die allermeisten eine Zeitung oder Zeitschrift über den Verein abonniert haben – ist der Fernseher die wichtigste Infoquelle. Die konkreten Gründe dafür sind aus den Antworten nicht abzuleiten. Ein Faktor ist sicherlich die Einfachheit des Zugangs: Von einer Umfrage des Vereins in 2019 wissen wir, dass über 96% aller Hafträume mit einem Fernseher ausgestattet sind („Die Digitale Entdeckung des Vollzugs“: S. 71).
Viele Antworten drücken eine Ambivalenz gegenüber dem Fernseher aus. Ein Inhaftierter aus der JVA Bützow bedauert, dass er auf Fernsehnachrichten angewiesen ist: „Über diesen Umstand bin ich nicht besonders glücklich, da eine objektive eigene Meinungsbildung nur eingeschränkt möglich ist und somit wenig Tiefe im Vergleich zum geschriebenen Wort besitzt.“ Ähnlich schreibt ein Inhaftierter aus der JVA Frankenthal: „Ich bin ja momentan ‚gezwungen‘ Fernsehen zu schauen, was ich draußen nur selten tue.“ Mit „Zwang“ könnte er auf verschiedene Faktoren Bezug nehmen: das Internetverbot, Geldmangel, oder – angesichts der langen Stunden in der Zelle – die Unwiderstehlichkeit des Fernsehers als Zeitvertreib.
Starke Nachfrage nach Zeitungen
Ungeachtet der Dominanz des Fernsehers sind Printmedien unter den Befragten vielfach häufiger vertreten als in der Gesellschaft „draußen“, wo nur 20% aller Erwachsenen regelmäßig Printmedien nutzen. „In der JVA Waldheim können, nach Beantragung, bis zu drei Zeitungen/Zeitschriften genehmigt werden, privat bezahlt oder häufiger über ein Freiabonnement des Vereins bezogen. Da das „Freiabo-Angebot“ in den JVA sehr beliebt ist und stark nachgefragt wird, ergibt sich noch der Vorteil, dass durch die Weitergabe von Medien unter den Gefangenen sich das Spektrum erweitert, regelrechte Lesekreise entstehen”, schreibt ein Inhaftierter aus der JVA Waldheim.
Seine Antwort wirft Licht auf die soziale Dimension des Medienkonsums. Die Rückmeldungen deuten aber nicht darauf hin, dass solche Lesekreise die Norm sind: Nur vier Befragte bzw. 2,7% haben „Mitgefangene“ als Hauptinformationsquelle angegeben. Für zwei Drittel der Befragten sind „andere Menschen“ keine Hauptinformationsquelle. Insgesamt entsteht der Eindruck, dass es in dieser Hinsicht einen genauso großen Mangel wie in der Sache Medienzugang gibt.
Die Schwierigkeit, Informationen einzuordnen
Ein Inhaftierter aus der JVA Freiburg schreibt: „In der Haftsituation fehlt es eher nicht an Informationsmengen oder der Qualität der Information, es fehlt viel eher von Zeit zu Zeit ein adäquater Gesprächspartner.“ Ein Inhaftierter aus der JVA Brandenburg erweitert die Problematik auf institutionelle Faktoren: „Fakt ist, dass die Informationen für Gefangene nicht vor der Mauer stehen bleiben, sondern dass durch die Medien, vereinzelte Informationen auch nach innen gelangen. Die Sortierung der Informationen fällt einer Vielzahl von Gefangenen sehr schwer und wird seitens der Anstalt auch nicht gefördert oder aufgearbeitet.“
Keine institutionelle Unterstützung für einen Austausch, kaum soziale Kontakte und keine direkte Erfahrung der Welt „draußen“. Unter diesen Umständen nehmen die Medien für die Befragten eine überdimensionierte Rolle ein, wie ein Inhaftierter aus der JVA Straubing schreibt. Sein „Bezug zur Realität und Lebenswirklichkeit“ wäre ohne die Medien nicht aufrechtzuerhalten.
II. Welche Themen und Ereignisse interessieren Inhaftierte?
Im viermonatigen Zeitfenster der Umfrage (Oktober 2025 bis Januar 2025) gab es – trotz der rapiden Veränderung der nationalen und internationalen Landschaft – klare Schwerpunkte im Nachrichtenkonsum der Befragten: der Ukraine-Krieg, deutsche Wahlen, US-Politik, der Nahostkonflikt, und der Zustand der deutschen Wirtschaft. Weitere Nachfragen wären notwendig gewesen, um festzustellen, warum genau diese Themen die Gefangenen interessierten. Trotzdem können wir aufgrund der Statistiken sowie einzelner Erklärungen der Befragten erste Schlüsse ziehen.

Spürbare Auswirkungen der Wirtschaft und Politik
Es gibt viele Hinweise darauf, dass die in der Tabelle gelisteten Schwerpunkte nicht nur von Neugier gesteuert werden: Vieles, was „außerhalb“ des Gefängnisses passiert, wirkt direkt oder indirekt auf die Gefangenen ein. Das lässt sich z.B. an dem erheblichen Interesse an der Wirtschaft zeigen: Das Wort „Inflation“ allein wird sechzehnmal erwähnt, der Wohnungsmarkt oder Mietpreise achtzehnmal. „Es gibt kaum noch Wohnraum und die Preise explodieren”, schreibt ein Inhaftierter aus der JVA Diez/Lahn: „Wie wird es für uns, wenn wir mal aus der Haft kommen? Als Häftling eine Wohnung zu finden, ist ja schon sehr schwer – doch bezahlbare fast unmöglich.“ In diesem Zusammenhang erwähnt er nicht nur seine Zukunftsperspektiven, sondern auch seine aktuellen Lebensbedingungen: „Für uns ist es in Haft schon sehr schwer, die Preise beim Kaufmann zu zahlen.“
In ähnlicher Weise zeigen viele Antworten darauf hin, dass politische Veränderungen von persönlicher Relevanz sind. Dazu zählen Haushaltsentscheidungen (es gibt „Kürzungen im sozialen und kulturellen Bereich, z.B. haben wir keine Kurse mehr“, schreibt eine Inhaftierte aus der JVA Pankow in Berlin) und das Erstarken von Rechtspopulismus. Vierzehn Befragte haben Sorgen über einen „Rechtsruck“ geäußert. „Es ist, als wiederhole sich die Geschichte”, schreibt ein Gefangener aus der JVA Wittlich: „Davor habe ich große Angst. Zudem der Maßregelvollzug, in dem ich mich befinde, auf die Nazi-Zeit vor 85 Jahren zurückgeht.“
Verunsicherung durch den Ukraine-Krieg
Auch der Ukraine-Krieg trägt zu einer allgemeinen Verunsicherung bei, die von vielen Befragten aufgrund der Nachrichten beschrieben wird. Ein Gefangener aus der JVA Diez/Lahn verdeutlicht diese Angst:
„Der Konflikt in der Ukraine mit der schwelenden Gefahr einer Ausbreitung … bereitet mir zunehmend Sorge, zumal man in Haft das Gefühl hat, im Falle eines Krieges gewissermaßen ausgeliefert zu sein. Dies mag für Außenstehende befremdlich klingen, überzogen, und doch: Wer in Haft bereits Brandstiftung bei Zellennachbarn erlebt hat, wenn dichte Rauchschwaden in die eigene Zelle herüberwehen … und man auf 8 qm gefangen gehalten wird, ohne Türklinke o.Ä., kann es vielleicht nachvollziehen, das bedrückende Gefühl, ausgeliefert zu sein.“
Was fehlt in den Nachrichten? Das Gefängnis
Auf die Frage, welche Themen in den Medien mehr Beachtung finden sollten, haben über ein Drittel der Befragten mit „das Gefängnis“ oder die „Justiz“ geantwortet. Alles, was in einer Vollzugsanstalt passiert, wird „unter dem Radar gehalten”, schreibt ein Gefangener aus der JVA Diez/Lahn – „wie Selbstmorde in der Weihnachtszeit.“ Und selbst wenn das Thema in der Presse erscheint, dann in einem falschen Licht, erklärt ein Befragter aus der JVA Burg: „Es gibt … Presseberichte, wenn es einen Ausbruch oder Fluchtversuche gibt. Aber nicht über die Zustände in der Haft.“ Ein Gefangener aus der JVA Willich schreibt: „Die Justiz unterstützt die Sensationspresse, um der Allgemeinheit ein begründetes und berechtigtes negatives und gefährliches Bild von einem zukünftigen Verurteilten vorzugaukeln.“

Diese Antworten lassen sich mit einem anderen Ergebnis der Umfrage zusammenlesen: dem allgemeinen Desinteresse an Lokalnachrichten. Weniger als 4% der Befragten haben lokale Themen als wichtig erwähnt. Das liegt vielleicht daran, dass das Geschehen innerhalb der Haftanstalt – ihre eigene „Lokalität“ – nicht zu den Lokalnachrichten gerechnet wird.“
Wie lässt sich die Unsichtbarkeit bzw. falsche Darstellung von Gefangenen in den Medien erklären? Mehrere Befragte gaben dazu an: „Wir haben keine Lobby.“ Diese Erklärung deutet auf ein Verständnis der Medien hin, wonach Medieninteresse von politischen Interessen abhängig ist. Ein Befragter aus der JVA Burg schreibt: „Die vermeintlich aktuellen Themen werden leider nur gefühlt gemäß der politischen Agenda passend abgebildet.“ Im Allgemeinen weist die Umfrage auf eine weitverbreitete Skepsis gegenüber der Presse hin.
Was genau müsste über das Gefängnis berichtet werden?
Die „Zustände in der Haft“, die in ihren Augen journalistisch vernachlässigt werden, sind breitgefächert. Ein Inhaftierter aus der JVA Wittlich schreibt über „den eklatanten Mangel an Fachkräften und die Überarbeitung der Justiz“. Ein Befragter in der JVA Willich I beschreibt „menschenrechtsunwürdige Haftbedingungen“: „zu kleiner Haftraum (6 m2) ohne Schamwand/abgetrennter Toilettenbereich, Feinvergitterung vor den Fenstern, Fensterhöhe über 1,80 m und … Gesundheitsschädigung durch Asbest“. Außerdem kritisiert er „die Monopolstellung des einzigen Justizvollugslieferanten (Massack) in der BRD“ und demzufolge „die überhöhten und übertriebenen Verkaufspreise … Dabei ist zu bedenken, dass Gefangene nichtmals den gesetzlichen Mindestlohn erhalten. Den gesetzlichen Mindestlohn für nur eine Stunde erhält ein Gefangener für einen ganzen Arbeitstag zusammen.“
Oft wird behauptet, dass zu wenig für die Resozialisierung unternommen wird. Ein Inhaftierter aus der JVA Diez/Lahn schreibt:
„Natürlich gibt es keine Lobby für Verbrecher und der allgemeine Tenor ‚Wegsperren und Schlüssel wegwerfen‘ ist sicher in der Gesellschaft tief verwurzelt, doch möchte ich zu bedenken geben, dass jeder von ‚uns‘ irgendwann wieder entlassen und somit wieder Teil der Gesellschaft sein wird. Die Frage ist dann, ob man ein psychisches Wrack, das sich in Haft radikalisiert und noch kriminalisierter gemacht hat, in seiner Nachbarschaft leben lassen will, oder einen resozialisierten Menschen, der gebüßt, deine Taten aufgearbeitet und einen beruflichen, privaten und gesellschaftlichen Integrationsplan hat?“
Zwischen Betroffensein und Solidarität
Die zweithäufigste Antwort auf Frage 3 („Soziales“) umfasst Themen wie Armut, Diskriminierung, Altenpflege, Kinderschutz und Sozialwohnungsbau. Die Antwort eines Befragten aus der Klink Nette Gut in Weißenthurm besagt, dass die „Sorgen und Ängste des ‚kleinen Mannes‘“ in den Medien zu wenig berücksichtigt werden. Als Angehörige einer benachteiligten Gruppe (Inhaftierte) sind den Befragten andere benachteiligte Gruppen am nächsten. Viele von ihnen selbst gehören oder gehörten oder werden nach der Haft zu diesen anderen Gruppen gehören.
Die Forderung nach Positivität
Die Befragten haben nicht nur den Mangel an bestimmten Themen hervorgehoben, sondern auch an bestimmten Sichtweisen. Wie bereits erwähnt haben einige Befragte das Problem des politischen Einflusses auf die Medien und somit ihre mangelnde Neutralität thematisiert. Andere haben den Fokus auf negative Nachrichten infrage gestellt. Ein Inhaftierter aus der JVA Zweibrücken wünscht sich mehr positive Geschichten, „auch wenn sich diese nicht so gut mit Clickbait-Überschriften verkaufen lassen“. Ein Inhaftierter aus der JVA München schreibt: „In den Medien wird bislang sehr viel das Negative hervorgehoben und ausführlich darüber berichtet. Mir hingegen wäre wichtig, dass man die negativen Dinge zwar benennt, aber viel ausführlicher darüber berichtet, wie wir die Probleme unserer Zeit lösen könnten.“
So stellt sich die Frage, inwiefern die mediale Tendenz zur Negativität das allgemeine Bild von „draußen“ unter Gefangenen färbt.
III. Die Veränderung der Welt – mit Blick aus dem Gefängnis
„Wie hat sich die Welt ‚draußen‘ seit Ihrer Inhaftierung verändert?“ Die Antworten auf diese Frage bestätigen, dass unter den Befragten ein gewisser Pessimismus herrscht. Beispielsweise schreibt ein Inhaftierter aus der JVA Wöllstein, einer der wenigen, die mit „keine Veränderung“ antworten: „Wenn ich entlassen werde, wird mich der gleiche Scheiter- und Trümmerhaufen empfangen, den ich verlassen habe.“

Sozialer Verfall durch Technologie
Auf die obengenannte Frage „Wie hat sich die Welt „draußen“ in Laufe Ihrer Haft verändert?“ wird „die technologische Entwicklung“ am häufigsten erwähnt – allerdings öfter als kritischer Faktor, selten positiv. Ein wesentlicher Aspekt der Kritik betrifft den Zusammenhang zwischen technologischenund sozialen Entwicklungen. Ein Gefangener aus der JVA München erinnert sich z.B. an seine erste Ausführung seit 4 Jahren im Knast: „Es war ziemlich befremdlich für mich, dass bei der Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel nahezu jeder Fahrgast die ganze Zeit in sein Handy gestarrt hat. Nur vereinzelt hat sich dadurch Blickkontakt ergeben, was in meiner Erinnerung früher häufiger war.“ Auch ist ihm die Zunahme von Kopfhörern in der Öffentlichkeit aufgefallen: „Mir kommt es so vor, als ob sich die Menschen immer mehr von der Umgebung und den Mitmenschen abschirmen wollen.“
Oft wird eine gesellschaftliche Verrohung beschrieben, die unter anderem von der Technologie begünstigt wird. Ein Gefangener aus der JVA Willich schreibt: „Verachtung und Verrohung nimmt zu, Respekt und Rücksichtnahme nimmt ab … [Die Welt ist] schneller und kurzlebiger geworden und somit bleibt das ganze Menschliche auf der Strecke (auch wegen Technologie).“ Ein Gefangener aus der JVA Weiterstadt schreibt: „Logisches Denken … funktioniert nur noch mithilfe von ‚Google‘.“
Gewalt, Polarisierung, Rechtsruck
Die Wahrnehmung einer Verrohung geht mit der Wahrnehmung von steigender Gewalt einher: Die Welt ist „gefährlicher”, schreibt ein Inhaftierter aus der JVA Waldheim. In diesem Zusammenhang lässt sich eine Verbindung zum Medienkonsum vermuten. Denn die Wahrnehmung steigender Gefahr könnte auf die Berichterstattungen über Krieg, Attentate, und andere Gewalttaten, zurückzuführen sein – die zu den Hauptinteressen der Befragten gehörten.
Die Beurteilung politischer Entwicklungen fällt ebenso negativ aus. Abgesehen von vereinzelten positiven Erkenntnissen wie der „Sensibilisierung“ in den Medien für Rassismus, Klimawandel oder Gender, sind die Antworten in diesem Bereich von zwei Motiven geprägt: von Polarisierung und einem Rechtsruck in Deutschland, Europa und den USA. Ein Gefangener aus der JVA Burg schreibt: „Kompromisse und gemeinsame Problemlösungen scheinen mir unendlich schwieriger geworden.“ Ein Befragter aus der Klinik Nette Gut in Weißenthurm antwortet: „Ich kam 2008 in Haft. Niemals hätte ich damals gedacht, dass es zu einem derartigen Erstarken von rechten bis rechtsradikalen Kräften kommt.“
„In Watte gepackt“ – fehlende Informationsgrundlage
Andere Befragte zögern, solche schwerwiegenden Behauptungen über die Welt „draußen“ anzustellen. „Es ist heute eine schnelllebige Welt, und da wir hier von den Medien wie E-mail oder überhaupt vom Internet noch völlig abgeschnitten sind, kann man mit den Veränderungen auch nicht Schritt halten”, schreibt ein Gefangener aus der JVA Burg. „Ich denke, dass sich eine ganze Menge verändert und verändert hat, aber wir das erst wirklich merken, wenn wir freikommen, weil man hier drin … ein bisschen wie in einer Blase lebt bzw. in Watte gepackt ist”, schreibt ein Befragter aus dem LWL-Therapiezentrum in Hörstel.
Ängste über „Resozialisierung“
Das Thema Freilassung ist sehr präsent in ihren Antworten: Oft verwischt sich die Grenze zwischen einer Bewertung der gesellschaftlichen Entwicklung an sich und den persönlichen Konsequenzen, die diese Entwicklung für sie als Haftentlassene haben könnte. Ein Beispiel dafür ist das Thema „Inflation“ (siehe „teurer“ im Diagramm zur Frage 4). Die Unsicherheiten können aber auch allumfassend sein. Ein Befragter aus der JVA Willich, der seit 12 Jahren inhaftiert ist und in September 2025 entlassen wird, schreibt:
„Ich habe große Ängste, weil ich gar nicht die Welt da draußen kenne. Es hat sich (im) Laufe der Zeit einfach alles geändert. Flüchtlingswellen, Corona, Kriege, Digitalisierung… es gibt keine Videotheken und Internet Cafés mehr. Ich komme aus der Steinzeit in die Zukunft. Ich kenne kein Instagram, Twitter und habe noch nie eine Whatsapp verschickt oder geschrieben, es gibt selbstfahrende Autos. Mein Horizont kann sich gar nicht ausmalen, wie es draußen ist.“
Es ist zu vermuten, dass solche Ängste mit der Haftdauer steigen: Eine große Mehrheit der Befragten ist schon über 2 Jahre inhaftiert. Je länger die Haft, desto größer wird die Herausforderung einer Entlassung: „Selbst vermeintlich einfache Kenntnisse, die zur Bedienung im Alltag mittlerweile vorausgesetzt werden (Lebensmitteleinkauf, Fahrkartenkauf usw.) kommen durch die reizarme und monotone Gefängniswelt abhanden”, schreibt ein Befragter aus der JVA Bützow.
Von Angst zur Resignation
Die Sorge der Befragten, dass sie „draußen“ nicht mehr funktionieren könnten, ist ein Hauptmotiv der Ängste gegenüber der technologischen Veränderung: „Eine Partizipation am digitalen Fortschrift ist unmöglich”, schreibt ein Gefangener aus der JVA Freiburg: „Der Vollzug müsste sich in diesen Bereichen viel stärker und vor allem viel schneller an das Leben außerhalb der Mauern anpassen. Ansonsten sehe ich eine wirklich gelungene Resozialisierung in Gefahr.“
Während seiner „zweimal jährlich stattfindenden“ Ausführungen bemerkt er „eine Art Entfremdung“ von allen gesellschaftlichen Veränderungen, die er seit 17 Jahren aus der Ferne beobachtet:
„Letztlich habe ich den Eindruck, dass vieles von dem, was ich von draußen mitbekomme, nicht mehr ‚meine Welt‘ ist. Ich spüre viel Ohnmacht, Fassungslosigkeit und auch eine gewisse Resignation über die Entwicklung der Welt, mit der ich nicht so gerechnet habe. Manchmal denke ich, dass ich am liebsten den Rest meines Lebens in einer Hütte irgendwo im Wald verbringen wollen würde und von alledem nichts mehr mitbekomme.“
Sein Kommentar weist auf die Zwickmühle hin, in die er durch seine Langzeithaft geraten ist. Einerseits bewertet er die Entwicklung der Welt „draußen“ größtenteils negativ, sodass ihm „drinnen“ z.B. „schädliche Technologien“ immerhin erspart bleiben. Andererseits stellt seine fehlende Vertrautheit mit diesen Technologien ein Hindernis für die „Resozialisierung“ dar. Als Vorstellung der Freiheit bleibt ihm vielleicht deshalb nur das Bild einer anderen Isolation – „in einer Hütte irgendwo im Wald“.
Fazit und Rückblick
Wie wirkt sich der Medienkonsum auf einen Menschen aus, der sonst keinen „Zugang zur Welt“ hat? Mit dieser Umfrage wurde versucht, der Antwort ein Stück näherzukommen – und mehr Verständnis für diejenigen zu entwickeln, die durch ihre Haft gesellschaftlich ausgeschlossen sind.
Im ersten Teil wurde die Angewiesenheit der Inhaftierten auf bestimmte Medien deutlich, insbesondere auf den Fernseher. Das Internet wiederum (die zentralste Informationsquelle außerhalb des Gefängnisses) ist nahezu abwesend im Gefängnisleben, eine Abwesenheit, die weitreichende Folgen für die Inhaftierten hat.
Im zweiten Teil ging es um die Themen in den Nachrichten, die die Befragten am meisten beschäftigen. Hier warfen die Ergebnisse mehr Fragen als Antworten auf: Worin genau sehen Inhaftierte die Verbindung zwischen sich selbst und dem „Weltgeschehen“, von dem sie durch die Haft getrennt sind?
Die Befragten zeigen viel weniger Interesse an Lokalnachrichten als Mediennutzer in Deutschland allgemein. Das könnte mit der Wahrnehmung der Gefangenen zusammenhängen, dass ihre eigene „Lokalität“ – nämlich das Gefängnis – zu wenig Beachtung in den Medien findet. Insofern wird eine Ambivalenz deutlich: Obwohl die Medien dabei helfen, die Kluft zwischen „drinnen“ und „draußen“ zu überbrücken, tragen sie gleichzeitig zur Herstellung dieser Kluft bei.
Im dritten Teil ging es darum, wie die Befragten die Entwicklung der Welt „draußen“ seit ihrer Haft wahrnehmen. Dass ihre Antworten – und der Pessimismus, der von ihnen ausgeht – von den Medien beeinflusst sind, scheint klar; in welchem Ausmaß genau, bleibt eine offene Frage. Jedenfalls ist für die Befragten die zentralste Frage, die der technologischen Entwicklung. Zu diesem Thema bekommen wir einerseits eine Gesellschaftskritik von Menschen, die durch ihren Abstand eine wertvolle Perspektive anbieten; andererseits wird deutlich, wie sehr die Befragten an diesem Abstand leiden. Denn die Frage, ob sie nach der Entlassung die Entwicklungen „draußen“ aufholen können, ist eine Quelle von tiefer Unsicherheit.
Charlie Zaharoff, freier Mitarbeiter bei Freiabonnements für Gefangene e.V.