Die Geschichte der Gefängniszeitungen

Seit 1800 gibt es in den USA sogenannte prison journals (Gefängniszeitungen).[1] Die erste Gefangenenzeitung hieß „Forlorn Hope“ (auf Deutsch „vergebliche Hoffnung“) und wurde von dem Gefangenen William Keteltas in New Yorks Schuldgefängnis herausgegeben. Keteltas rief in der Zeitung zum Schuldenerlass und zu sozialen Reformen auf, forderte das Recht auf Bildung für Frauen und Schwarze Menschen, die Abschaffung der Sklaverei sowie Rechtsbeihilfe für Gefangene.[2]

Auch später galten Gefangenenzeitungen in den USA als Sprachrohr für die Forderungen und die Situation von Inhaftierten. Die Zeitschrift „Society of Forgotten Women“, die später unter dem Titel „Voices from St. Gabriel“ erschien, entstand in den 1970er Jahren. Im Frauengefängnis St. Gabriel in Louisiana berichteten Gefangene über die Situation von Frauen im Gefängnis, aber auch über ihre Situation in der Gesellschaft. Sie schrieben über Gewalt gegen Frauen, das „Gefängnis“ der Ehe und die Gefahren, die für Frauen mit dem Zusammenleben mit einem Mann verbunden sind. Außerdem analysierten sie den Zusammenhang zwischen Armut und Gefängnis sowie die Zusammensetzung der Gefangenenpopulation.

„Es ist eine unausweichliche Tatsache, dass Rassen- und Klassenpolitik durch ein System aus mangelhafter Bildung, Arbeitslosigkeit, Diskriminierung, schlechten Wohnverhältnissen, unzureichender Gesundheitsversorgung und sozialer Ausgrenzung dazu geführt haben, dass überproportional viele Schwarze und People of Color in Gefängnissen sitzen.“[3]

Seitdem sind bis zu 500 Gefangenenzeitungen in den USA entstanden.

Ausgabe von „Voices from St. Gabriel“, Sommer 1979

Gefangenenzeitungen in Deutschland

In Deutschland lassen sich frühe Gefängnispublikationen bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts nachweisen. Als erste deutsche Zeitung für Gefangene gilt Der gute Freund, der ab 1901 in Süddeutschland erschien. Bei dieser Zeitschrift wirkten Gefangene aber nicht mit. Es handelte sich also um eine Anstaltszeitung, die von Anfang an eher zur Erziehung der Gefangenen gedacht war und der positiven Außendarstellung der Haftanstalt diente.[4] Der „gute Freund“ wurde von dem Gefängnisdirektor Eduard Gottlob als „Kalender für das deutsche Volk“ herausgegeben.[5] Auch die darauffolgenden Gefängniszeitschriften waren ohne Mitarbeit von Gefangenen entstanden. Eine Ausnahme bildete die Zeitung „Die Brücke“. Die erste Ausgabe des Zuchthauses Untermaßfeld erschien am 29. Juli 1928. Das Motto lautete: „Die Brücke der Strafanstalt Untermaßfeld dient dem Gedankenaustausch von Gefangenen und Freien“. In der ersten Ausgabe der Zeitschrift erschien der Beitrag „Der alte und der neue Strafvollzug – vom Standpunkt des Gefangenen“.[6] Die Nationalsozialisten schalteten die Gefängnispresse gleich. Ab 1935 erschien nur noch die Reichsgefangenenzeitung „Der Leuchtturm“.[7] 1939 erschienen davon 41.000 Exemplare. Der politische Gefangene Hans Müller berichtete:

„Die einzige Zeitung, die wir zu lesen bekamen, war die Gefangenen-Wochenzeitung ‚Der Leuchtturm’, eine typische Mißgeburt nazistischer Presse. Wir nahmen uns soviel Zeit wie möglich, um diese ‚Nachrichten’ kritisch zu analysieren und kritisch einzuordnen.” [8]

Der Leuchtturm, Ausgabe vom 5. Januar 1963[9]

Gefängnispresse DDR und Westdeutschland

In der DDR gab es offiziell keine Gefangenenzeitungen, dennoch gibt es Überlieferung von illegalen Gefangenenzeitungen. 1977 erstellten zwei Gefangene aus Brandenburg-Görden eine illegale Zeitung mit dem Titel „Der Brandenburger Hammer“ mit dem Untertitel“ Häftlinge aller Länder, vereinigt euch!“. 57 Exemplare davon wurden gedruckt, darin findet sich auch ein fingiertes Interview mit dem damaligen Gefängnisleiter.[10]

Ausgabe der Zeitung „Brandenburger Hammer“ aus der Strafanstalt Brandenburg-Görden im Jahr 1977 [11]

In Westdeutschland gab es eine Vielzahl an Gefängniszeitungen. 1978 gab es bis zu vierzig Zeitschriften. Diese unterlagen jedoch dem Anstaltsrecht und es gab meistens eine Vorzensur. So gestaltet sich das bei vielen Zeitschriften bis heute.[12] Eine Ausnahme ist die Berliner Gefangenenzeitung der Lichtblick, der bis heute unzensiert erscheint. Die erste Ausgabe erschien 1968 und ist somit die älteste noch existierende Gefangenenzeitung Deutschlands. [13]

Titelbild: Lichtblick Ausgabe Frontcover 1-2/1999


[1] Feest, Johannes (2022): „Ein deutsches Gefängnis im 21. Jahrhundert“, Strafvollzugsarchiv, 16.02.2022. Quelle
[2] Sheldon, D. (2022): „Forlorn Hope: The First of 500 US Prison Newspapers“, Flashbak, 23.01.2022. Quelle
[3] Society of Forgotten Women, Jg. 1, Nr. 9, September/Oktober 1978, S. 5, JSTOR, Reveal Digital: American Prison Newspapers.
[4] Reiners-Leich, Michael (2022): „Ein deutsches Gefängnis im 21. Jahrhundert“, Das Strafvollzugsarchiv, 16.02.2022. Quelle
[5] LEO-BW (2017): „Eggert, Eduard Gottlob“, in: Württembergische Biographien 3, S. 46–48. Quelle
[6] Zeitschrift für Strafvollzug, Jg. 16, H. 4, 1967, Forum Strafvollzug. Quelle
[7] Gefängnisseelsorge in Deutschland e. V.: „Im Zuchthaus wurde der Leuchtturm gelesen“, Gefängnisseelsorge. Quelle
[8] Müller, Hans: „Führung gut – politisch unzuverlässig“. Lebensstationen eines Nazigegners aus O., hg. von Annemarie Stern, Oberhausen: Asso-Verlag, 1994, 255 S.
[9] Der Leuchtturm. Gefangenenzeitung, Gefängnisseelsorge in Deutschland e. V. Quelle
[10] Wunschik, Tobias: „Selbstbehauptung und politischer Protest von Gefangenen im DDR-Strafvollzug“, Bundesarchiv. Quelle
[11] MAZ (2019): „Leben und Leid in ‚Honeckers Zuchthaus‘“, Märkische Allgemeine Zeitung, 16.10.2019. Quelle
[12] Klee, Ernst (1978): „Knastpresse. Wenn Gefangene Zeitung machen“, Die Zeit, Nr. 21, 19.05.1978. Quelle
[13] Treblin, Johanna (2026): „Unzensiert aus dem Knast“, taz, 05.06.2026. Quelle