Briefe aus dem Gefängnis

28.10.18, Gefangener. JVA Straubing
Am Leben draußen teilhaben dürfen
„Es ist richtig, dass fast jeder Gefangene einen schweren Koffer voll Schuld zu tragen hat und oft auch eine Gefahr für die Sicherheit der Gesellschaft darstellt. Dennoch, der Zugang zu Informationen ist Eines der wenigen Dinge, die einem als Gefangener das Gefühl gibt, am Leben draußen teilhaben zu dürfen.“

20.10.18, Gefangener, JVA Straubing
Wie ein kaputtes Gerät
„Man fühlte sich wie ein kaputtes Gerät, was im Keller eingelagert wird und einfach in Vergessenheit gerät.“

18.09.18, Gefangener, JVA Darmstadt
Das Wetter ist das Einzige
„Aktuell habe ich auf der neuen Station gar nichts. Es gibt hier keine Stationszeitung, noch kenne ich Mitgefangene, die eine Zeitung beziehen. Radio und Fernseher stehen nur als kostenpflichtige Leihgeräte zur Verfügung, was ich mir nicht leisten kann. Das Wetter ist derzeit das Einzige, was ich von der Welt draußen mitbekomme.“

17.8.18, Gefangener, JVA Wolfenbüttel
Viele Informationen gehen an mir vorbei
„Ich arbeite in der Repro-Abteilung der Druckerei als Mediengestalter. Obwohl ich täglich am Computer arbeite, verfüge ich über keinen Internetzugang, kann von hier aus keine E-Mails schreiben, und auch andere Lern- und Fortbildungsprogramme stehen mir nicht zur Verfügung, selbst das Videotextsignal wurde zwischenzeitlich gekappt.

Viele Informationen und Veränderungen gehen deshalb an mir vorbei. Die Mauern um mich herum bewirken daher nicht nur Freiheitsentzug und Fremdbestimmung, sondern ebenso eine starke Zugangsbegrenzung zum allgemeinen Wissen.

Seit Juni gibt es bei uns in der Abteilung ein sogenanntes Nachrichtenfrühstück, welches einmal im Monat stattfindet. Dabei frühstücken wir gemeinsam – sechs Gefangene und zwei Beamte – und unterhalten uns über aktuelle Themen aus der Presse. Gerade das Lesen der Zeitungen bedeutet mir viel, es ist  für mich einen Blick in die reale Welt.“

19.8.18, Gefangener, JVA Bayreuth
Fester Bestandteil des Tagesablaufs
„Die Zeitung ist ein fester Bestandteil des Tagesablaufs. Dieses Informationsmedium möchte ich nicht missen, wir haben hier in Bayreuth weder Zugang zum Internet noch zu E-Mails, auch Computer-Lernprogramme gibt es nur in einzelnen Kursen.“

09.08.18, Gefangener, Klinikum Neustadt
Ich kenne viele Geräte nur aus der Zeitung
„Ich gebe die Zeitung auch an andere Mitgefangene weiter. So bekommen alle hier einen kleinen Einblick davon, wie es in der Welt draußen aussieht … Auch wenn wir ja eigentlich das Jahr 2018 schreiben, so gibt es immer noch Gefängnisse und andere Haftanstalten, die in vielen – sehr vielen – Dingen recht rückständig und altmodisch sind.

Ich bin schon seit 1989 hier und kenne viele Geräte nur aus der Zeitung oder vom Erzählen, habe noch nie einen modernen Fernseher, ein Smartphone, Laptop gesehen oder besessen. Somit versuche ich den drohenden Verlust des Zeitgeistes dann eben durch die mir zugesandten Zeitschriften und Zeitungen aufzufangen.“

09.08.18, Gefangener, JVA Ludwigshafen
Durch Lesen entfliehen
„Um 6 Uhr werde ich geweckt, anschließend Bettwäsche zurechtzupfen, lüften, waschen, Frühstück. Gegen 7 Uhr geht es zur Arbeit, zwischen 11.15 und 12.00 Uhr Mittagspause, anschließend geht es bis 15.15 Uhr mit der Arbeit weiter. 15.45 Uhr Freistunde mit Sport, anschließend Ausgabe der Post, Duschen, Abendessen. Gegen 18 Uhr beginne ich mit dem Lesen der Zeitung bis in die Abendstunden. Durch das Lesen der Zeitungen kann ich dem Haftalltag ein wenig entfliehen“

07.08.18, Gefangener, JVA Straubing
Nicht einmal einen Fernseher
„An meiner Haftsituation hat sich nichts geändert, ist immer noch prekär – monitorüberwachter Haftraum. Für die Spenderinnen und Spender dürfte es kaum vorstellbar sein, wie sehr mir ihre Hilfe den Haftalltag erleichtert, denn ich habe sonst keine aktuellen Informationsmöglichkeiten, nicht einmal einen Fernseher, der ist in meinem Haftraum nicht erlaubt.“

02.08.18, Gefangene, JVA Aichach
Alles noch in Papierform
„In der JVA ist der Zugriff auf Medien sehr beschränkt. Es gibt keine Telefone, geschweige denn Computer für die Gefangenen. Die Briefe werden alle (ausnahmslos) von Hand geschrieben, an Fortbildungsmaßnahmen kann man nur teilnehmen, wenn der Bildungsträger die Studienunterlagen in Papierform anbietet.

Es fühlt sich an, als wenn man eine Zeitreise in die Vergangenheit gemacht hat und dort wurde die Uhr angehalten.

Durch meinen Aufenthalt in der Anstalt kann ich mich in Tiere einfühlen, die eingesperrt sind. Die Umstellung auf die neue Umgebung wird dadurch erschwert, dass die Abläufe analog erfolgen. Angelegenheiten, die ich im Alltag durch 1 Telefonat sofort geregelt hatte, dauern in der neuen Umgebung 14 Tage bis 8 Wochen.

Diese Verlangsamung sowie die Isolation von der Familie erzeugt Stress. Hinzu kommen noch die gerichtlichen Angelegenheiten, mit denen die Mehrzahl der Gefangenen überfordert ist. Da diese Botschaften im Raum stehen und der Anwalt nur postalisch kontaktiert werden kann, sehe ich bei den Frauen Tränen, Hilflosigkeit. Trauer, Wut etc.“

08.08.18, Gefangene, JVA Vechta
Man würde sich noch verlorener fühlen
„Zeitunglesen bedeutet für mich Teilhaben am Leben. Zwar nur passiv, aber immerhin. Man erfährt vom Weltgeschehen, sei es in der Politik, Wirtschaft, Sport, Kultur etc., und fühlt sich vielleicht weniger ausgegrenzt. Zeitunglesen verbessert die Lebensqualität in einem Raum, der sonst nur wenig davon bereithält.

Letztes Jahr im Dezember wurde uns der Videotext abgestellt (er gefährdet angeblich die ‚Sicherheit und Ordnung‘, unter diesem weit interpretierbaren Begriff sind jegliche Restriktionen durchsetzbar), und dieser Einschnitt war für alle Inhaftierten aus den unterschiedlichsten Gründen spürbar. Da wir keinen Zugang zum Internet haben, bot der Videotext einen kleinen ‚Ersatz‘. Ich kann und möchte mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, wie mein Leben hier aussehen würde, gäbe es die Möglichkeit des Freiabonnements nicht. Vielleicht nur so viel dazu: Man würde sich noch ausgegrenzter / verlorener vorkommen.“

05.07.18, Gefangener, JVA Aachen
Langweilig und einsam
„Der Haftalltag besteht zur Zeit aus 23 Stunden auf der Zelle sein. Einmal am Tag für 1 Stunde Hofgang an der frischen Luft. Man kann sich abends für 3 Stunden auf eine andere Zelle zu einem anderen Mitgefangenen schließen lassen.

Es ist hier eine eigene Subkultur, die man nicht wirklich kennenlernen möchte. Der Tagesablauf ist eintönig strukturiert, langweilig und einsam. Besuchsmöglichkeiten, um soziale Bindungen zu halten, sind rar (2 x im Monat für jeweils 90 Minuten), dazu knappe Anrufzeiten auf eigene Kosten (2-3 mal im Monat).

Natürlich kann man viel selbst tun. Es gibt einige Angebote für Familientreffen, Suchtgruppen, Seelsorgegruppen, aber letztlich sitzt man doch wieder abends auf der Zelle. Und die Gruppen finden ja auch nur 1-2 mal im Monat statt. Man muss auch wissen, das auch an der Beamtenpersonaldecke aus Spargründen viel geändert wurde, so dass vieles hier gar nicht stattfinden kann.“

05.07.18, Gefangener, JVA Schwalmstadt
Die Gedanken umschalten
„Wir leben hier völlig analog. Keine Möglichkeiten, um E-Mails zu schreiben. Über elis am Computer Lernprogramme aufrufen, da höre ich heute das erste Mal von. Ich bin daher wirklich sehr froh und sehr sehr dankbar, dass es Freiabonnements für Gefangene gibt.

Gut eine Stunde, nachdem ich meine Zeitung in Empfang genommen habe, steht ein Mitgefangener von meiner Station vor meiner Tür und hofft darauf, dass ich meine Zeitung schon ausgelesen habe. Auch er gibt die Zeitung noch einmal weiter. Keiner von uns Dreien wäre finanziell in der Lage, sich eine Zeitung zu abonnieren.

Wenn ich Interessantes in der Zeitung lese, schaltet das mal einen Moment lang meine Gedanken um, und ich mach mir für einen kleinen Zeitraum mal keine Sorgen um meinen Sohn, der zu Hause sitzt und auf den nächsten Besuch bei seinem Papa wartet. Nicht nur mir geht es so.“

10.07.18, Gefangener, JVA Burg
Kein Zugang zum Internet oder Lernprogrammen
„Da ich schon zum zweiten Mal inhaftiert bin, bin ich schon etwas firm, was die Abläufe und Gegebenheiten hier betrifft. Stolz bin ich allerdings nicht darauf. Ich gehe einer Beschäftigung in der anstaltsinternen Bekleidungskammer nach und verdiene mir so einen kleinen Obulus für den monatlichen Einkauf. Nach Feierabend um 14 Uhr hole ich mir als erstes meine Zeitung im Dienstzimmer ab und lese. Zeitunglesen ist inzwischen zu einem festen Bestandteil meines Haftalltags geworden. Einen Zugang zum Internet oder Lernprogrammen jeglicher Art gibt es hier in der kompletten Anstalt nicht.“

12.07.18, Gefangener, JVA Frankenthal
Keine Weitergabe mehr möglich
„Ich leite seit Januar 2018 meine Zeitung regelmäßig an 4 Mitgefangene auf meiner Etage weiter, die Resonanz ist hervorragend, bis dato hat keiner der ca. 20 Beamten, die hier ihren Dienst verrichten, etwas dagegen gehabt. Im Juli wurde ich vom Sicherheitsbeauftragten der JVA mit der Drohung konfrontiert, die Weitergabe sofort zu unterlassen, sonst würde man mir die Zeitung entziehen. Somit kann ich meinen Mitgefangenen nichts mehr weitergeben. Beschwerden bei der Anstaltsleitung prallen ab. Ich beantrage nun einen gerichtlichen Entscheid und werde das Thema an den Petitionsausschuss des Landtags weiterleiten.“

15.07.18, Gefangener, Klinik Nette-Gut
Kein Haftende in Sicht
„Sie fragen, was das Zeitungslesen für mich bedeutet. Nun, das ist ganz leicht. Hier im Maßregelvollzug gibt es kein Haftende. Das heißt, ich bin auf unbestimmte Zeit, wahrscheinlich und aus Erfahrung mindestens 20 Jahre eingesperrt. Zwar versucht man – zumindest nach außen hin – den Eindruck zu vermitteln, eine gewisse Resozialisierung anzustreben oder eine Atmosphäre wie draußen zu erreichen, jedoch ist die Freiheit mit nichts aufzuwiegen.

Ich kann zwar Fernsehen verfolgen, aber bei den Zeitungen kann ich selbst bestimmen, was ich lesen will. Ich bin nicht ‚fremdgesteuert‘. Das kann man draußen sicher nicht nachvollziehen. Unabhängig davon freue ich mich jeden Tag, wenn Postausgabe ist, dass ich Post bekomme. Zwar ‚nur‘ die Zeitung, aber immerhin“ Ein ‚Lebenszeichen‘ von draußen. Ein Bindeglied.

Zugang zum Internet habe ich hier drin nicht. Aufgrund meiner Haftzeit habe ich zwar einen Computer, aber nur als bessere Schreibmaschine. Nicht mal USB-Anschlüsse dürfen und können benutzt werden. Lernprogramme habe ich auch nicht.

Zum Glück habe ich auf dem PC eine Offline-Version von Wikipedia, also eine Art Lexikon. Das ist ganz hilfreich. Das analoge Leben ist zwar einerseits schön, weil man sich auf das Wesentliche konzentrieren kann, jedoch gibt es in Haft nicht viel Wesentliches. Man dümpelt vor sich hin.“

09.07.18, Gefangener, JVA Hannover
Gefühl der Hilflosigkeit
„Ich selbst sehe es voll ein, dass ich diese Strafe bekommen habe. Das heißt aber noch lange nicht, dass ich mich hier wohl fühle. Aber ich versuche, die Hilfe hier anzunehmen. Die Menschen draußen denken oft, na ja, die haben Fernseher, die bekommen dreimal täglich Essen, haben eine Einzelzelle und dürfen private Sachen besitzen.

Ok, das ist alles richtig. Aber trotzdem geht abends die Tür zu, und das ist ein Gefühl der Hilflosigkeit. Ich zum Beispiel habe schon zwei Herzinfarkte gehabt, allerdings in Freiheit. Aber müsste ich mir jetzt vorstellen, ich hätte einen hier in meinem Haftraum nachdem der Einschluss war, würde ich den mit großer Wahrscheinlichkeit nicht überleben. Auch wenn ich es noch zum Notrufschalter schaffen würde, ist es eine Riesen-Aktion, bis der Notarztwagen da wäre.

Auch der Umgang mit manchen Bediensteten ist hin und wieder nicht einfach. Manche denken, dass sie dafür da sind, weiter zu bestrafen, obwohl sie dafür da sind aufzupassen, dass nichts passiert, und sogar dafür da sein sollten uns zu helfen, wieder im normalen Leben zurecht zu kommen. Aber es gibt auch gut, die ihren Job gerne machen.“

18.07.18, Gefangener, JVA Straubing
Guter Rat
„Ohne Familie ist es total schwer hier und man muss aufpassen, mit wem man sich abgibt.“

16.07.18, Gefangener, JVA Wittlich
Wie frisches Obst
„Die Zeitungen und Zeitschriften bringen mir sozusagen etwas frisches Obst und Gemüse. Daran merke ich, dass ich nach 2 Jahren Haft noch nicht tot bin im Kopf und Freude empfinden kann, und natürlich Dankbarkeit.

Da draußen wandelt sich die Welt digital immer schneller, und hier drinnen bleibt diese fast stehen, Jeden Tag, jeden Monat, jedes Jahr wird dieser Unterschied immer größer.

In meiner alten JVA  gab es zahlreiche Gefangene, die ihre Haftzelle nicht verlassen haben, also nur zum Duschen und / oder zur Freistunde, also 23 Stunden / Tag dort eingesperrt waren. Diese Enge machte viele wütend, sogar aggressiv oder andere depressiv und richtig krank oder sogar suizidal.

In den neuen Räumlichkeiten sind die Bedingungen sehr viel besser. Große Fenster, viel Tageslicht, abgetrenntes WC und Waschbecken.“

22.07.18, Gefangener, JVA Straubing
Da sein, wo etwas geschieht
„Das Zeitunglesen bedeutet für mich mehr als alles andere. Ich kann für einige Zeit gedanklich aus der Haft entfliehen und bin da, wo etwas geschieht. Mein Alltag sieht so aus, dass ich um 4.30 Uhr aufstehe, um 6.45 Uhr auf Arbeit bin in einer Schlosserei, dort arbeite ich bis 11.30 Uhr, dann ist Mittag. Um 12.45 Uhr weiter mit der Arbeit bis 15.00 Uhr , Duschen, Hofgang, Zelle. Um 17.30 Uhr ist Einschluss, dann ein wenig Sport auf dem Haftraum, Sprachkurs für eine gute Stunde, Abendessen, etwas TV oder Radio hören, Zeitung lesen.

Wir leben in Bayern komplett analog in der Haft. Wie sich das anfühlt, kann sich jeder denken, wenn er / sie weiß, wie es ist ohne Telefon. Durch die vollkommene Isolation und ein Telefonat alle zwei Monate brechen die Kontakte zu Frau, Kindern, Familie, Freunden weg.

Ich habe eine Verlegung wegen Besuchserleichterung (heimatnahe Verlegung) beantragt. Nach vielen Fragen und vielen Schreiben sagte die JVA ‚ja‘, doch nun sagt die andere JVA ‚nein“. Also mache ich per Gericht einen ‚109er‘  (§ 109 StVollzG, Antrag auf gerichtliche Entscheidung), was mein Recht ist als Gefangener. Für die Zeit, wo ich auf die Entscheidung warte, beantragte ich eine Besuchsüberstellung, aber die JVA macht nichts … seit nun acht Monaten hatte ich keinen Besuch.“

14.03.18, Gefangener, JVA Freiburg
Keine Selbstverständlichkeit
„Ich freue mich jedes Mal auf’s Neue, wenn die Zeitungen hier ankommen und wir diese umsonst lesen dürfen. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Zu Ihrer Information kann ich sagen, dass mit mir zusammen 5 Personen die Zeitungen nacheinander bekommen. Danach lege ich alles in unserem Gruppenraum aus, wo alle anderen 10 Personen auf unserer Station Zugriff haben.“

12.3.18, Gefangener, JVA des Offenen Vollzugs Berlin
Die Isolation durchbrechen
„Ich möchte Ihnen meinen größten Dank aussprechen. Das Lesen von Zeitungen und Zeitschriften schafft es, die Isolation in Teilen zu durchbrechen und am gesellschaftlichen Leben ‚draußen‘ noch teilzunehmen. Es hat mir durch die schwierige Phase der Inhaftierung sehr geholfen.“

02.01.18, Gefangener, JVA Schwerte
Irgendwann schließen sie dann wieder auf
Früher, das heißt, bevor ich in Haft kam, habe ich keinen Gedanken daran verschwendet, wie es den Leuten in Haft so geht. Das Leben hinter Gittern kannte ich nur aus dem Fernsehen und das ist schon ein sehr verzerrtes Bild. Für mich war es auf alle Fälle ein Schock. Zumal mein Pflichtverteidiger von einem Freispruch ausgegangen ist. Und dann so. Man verliert alles, seine Wohnung, Heimat und alles, was damit zusammenhängt. Seine ideellen Werte und Dinge, die man mit Geld nicht ersetzen kann. Von jetzt auf gleich. Auch von meinen Tieren musste ich mich verabschieden. Man verliert einen Teil von sich. Sicher verliert man auch einen Teil der Bekannten, die nun mit einem nichts mehr zu tun haben wollen. Doch das ist eigentlich schon egal.

Kontakte habe ich hier im Großen und Ganzen nicht, Besuche bekomme ich auch nicht. Nun verbringt man hier 24 Stunden auf der Zelle, denn Arbeit gibt es auch nicht. Ich habe mal die Zeit ausgerechnet, wo du am Tag „Leute“ zu sehen bekommst. Das sind so
2 1/2 Minuten am Tag. Ansonsten bist du allein. Und so läuft fast jeder Tag gleich ab.

Ich muss für jeden Brief bitten, dass sie ihn frankieren. Ich habe ja kein Eigengeld. Woher auch. Für alles muss man hier einen Antrag stellen, sogar, wenn man am Sonntag zum Gottesdienst will. Und man muss jede Woche erneut einen Antrag stellen. Solltest du es vergessen oder sonst irgendetwas sein, kommst du halt nicht zum Gottesdienst. Irgendwann schließen sie dann wieder auf und sagen: ‚Das war’s.‘ Und dann soll man sich so benehmen, dass man draußen nicht wieder auffällt.“

27.12.17. Gefangener, JVA Aachen
Kaum vorstellbar
„Sie könne sich wahrscheinlich nicht vorstellen, wieviel Freude eine Tageszeitung macht, wenn man bereits 6 Jahre ohne TV im Gefängnis einsitzt.“

22.11.17, Gefangener, JVA Bayreuth
Einziges Informationsmittel
„Ich sitze seit 2 Monaten in der Sicherheitsabteilung. Die Zeitungen, die Sie mir schicken, sind mein einziges Informationsmittel. Die gebe ich auch an interessierte Mitgefangene weiter.“

09.10.17, Gefangener, JVA Düsseldorf
Einer von 55
„Man muss auch bedenken, dass ich von der ganzen Abteilung von ca. 55 Gefangenen der Einzigste bin, der eine Tages- oder Wochenzeitung erhält. Da kommt natürlich Freude auf, wenn man da Zeitungen weitergibt.“

08.10.17, Gefangener, JVA Bützow
Offiziell keine Möglichkeit
„Hier gibt es offiziell keine Möglichkeit ins Internet zu gelangen. Die JVA bietet nicht einmal Computerkurse an.“

06.08.17, Gefangener, JVA Aachen
Ohne TV oder Radio in der Zelle
„Ich hatte das Pech, dass der Fernseher, den ich zu Hause hatte und mir in die JVA schicken lassen habe, bei der Verplombung beschädigt wurde und sich nicht mehr einstellen ließ. Ich sitze in meiner Zelle ohne TV, geschweige denn Radio, und bin so froh, dass es Ihren Verein gibt.“

20.07.17, Gefangener, JVA Siegburg
Auch Videotext verboten
„…hier ist sogar der Videotext verboten. Somit blieb mir außer TV tatsächlich nur die Zeitung zur ergänzenden Information und Meinungsbildung.“

12.04.17, Gefangener, JVA Weiterstadt
Eine echte Hilfe
„Ich freue mich schon beim Aufstehen auf die Lektüre. Dieses Stück ‚Lebensqualität‘ ist einfach unbezahlbar … Da ich seit einem Jahr in U-Haft bin und es hier eine rege Fluktuation der Gefangenen gibt, sind Medien dünn gesät und die nach mir Lesenden zahlreich. Die mir übersandten Zeitungen gehen also durch zahlreiche Hände und werden förmlich verschlungen und sind eine echte Hilfe bei einem ’23-Stunden-Käfigtag‘. Vielen Dank im Namen vieler.“

05.03.17, J., JVA Kassel
Mehr als nur aktuelle Informationen
„Als Gefangener ist es mir verboten, über einen PC ins Internet zu gelangen. Der tägliche Erhalt einer Zeitung bedeutet für mich aber mehr als nur an aktuelle Informationen zu kommen. Die Zeitung erinnert mich auch täglich daran, dass ich vor meiner Straftat ein unbescholtener Bürger war, der es sich leisten konnte, die ein oder andere Zeitung selbst zu kaufen.“

03.03.17, Gefangene, JVA Aichach
Mehrfach gelesen
„Und zu Ihrer Bitte meine Zeitung an interessierte Mitgefangene weiterzugeben, will ich Ihnen gerne sagen: Meine Süddeutsche Zeitung wird bis zum Altpapiercontainer von vier Frauen gelesen und alle freuen sich darüber.“

28.02.17, M., LWL Klinik Haldem
Internet nur für wenige
„Zwar gibt es in der hiesigen Einrichtung eine wöchentlich stattfindende ‚Internetgruppe‘, nur ist die Anwärterzahl und somit die Wartezeit enorm lang.“

29.12.16, Petra, JVA Zweibrücken
Absolut nix
„Ich befinde mich zur Zeit in U-Haft. Auf meiner Zelle habe ich keinen Fernseher, absolut nix. Bin total isoliert. Ich bitte Sie, mir eine Zeitung zu spenden, damit ich wenigstens einen Überblick habe, was in der Welt draußen geschieht.“

06.12.16, Jörg, JVA Kassel
Bis zum letzten Tag
„Seit vielen Jahren ermöglich Sie es mir, Zeitungen zu beziehen, die ich mir mit meinem Gehalt von 28 Euro im Monat nie hätte leisten können. Heute habe ich erfahren, dass ich meine Strafe bis zum letzten Tag verbüßen muss. Bin Ersttäter. Ich habe alles gemacht, was mir gesagt wurde, und trotzdem wurde mir kein einziger Tag erlassen… Meine Eltern sind kurz hintereinander gestorben, so dass ich niemanden habe, zu dem ich gehen kann. Vielleicht können Sie mit diesem Hintergrundwissen nachvollziehen, was mir die tägliche Zeitung bedeutet.“

18.08.16, Boris, JVA Straubing
Gegen die Isolation
„Für mich in der Isolation ist Zeitung wie Leben, wenn nicht so gar noch mehr. Ich lese von Seite 1 bis zur letzten Seite, so geht mein Tag für einige Stunden in der U-Isolationshaft sehr gut um.

12.08.16, Gregor, JVA Burg
Man kann sehr schnell verdummen
„Man kann in einem Gefängnis sehr schnell verdummen… Nur weil ich ein Gefangener bin, heißt es ja nicht, dass ich nicht am politischen Leben draußen teilnehmen möchte. Auch ich wähle bei Landtagswahlen und Bundestagswahlen immer per Briefwahl.“

25.07.16, Jens, JVA Schwerte
Nicht nur Mainstream
„Hier in der Justiz (sind) die Informationen sehr einseitig, es gibt nur wenige Tageszeitungen und dann nur TV und Teletext. Die taz bietet mir die „andere“ Sicht, Hintergründe und Berichte, die nicht nur „Mainstream“ sind.“

05.07.2016, Klaus, JVA Mannheim
Wasserstelle in der Wüste
„Ob ich durch die Zeitung klüger werde? Ich werde zumindest nicht dümmer, was hier im Refugium einer JVA geradezu unvermeidlich wäre. Man sollte vielleicht versuchen sich vorzustellen, was es bedeutet, von einem Tag auf den andern von Zeitungen, Zeitschriften, Telefon, Handy, I-Phone, Internet, Laptop etc. abgeschnitten zu sein. Dann eine Tageszeitung zu ergattern, ist wie die Wasserstelle in der weiten Wüste.“

10.06.16, Felix, JVA Landsberg
Am Ball bleiben
„Seit meiner Inhaftierung im Oktober 2013 war und ist eine meiner Ängste, den Anschluss an die Außenwelt zu verlieren. Es ist mir daher sehr wichtig, im politischen, wirtschaftlichen und technologischem Bereich ‚am Ball’ zu sein. “

28.05.2015, Jörg, JVA Kassel
23 Stunden in der Zelle
„Die tägliche Zeitung hilft mir, hier nicht zu verzweifeln. Ich befinde mich in einer Sicherheitszelle ohne Fernseher. Ich habe nur ein kleines Uhrenradio. Die FAZ hilft mir, die 23 Stunden Aufenthalt in der Zelle zu überstehen“

13.05.2015, Manuel, JVA Hünfeld
Eine Zeitung für 84 Gefangene
„Ich bin seit dem 24.8.14 in Haft, besitze keinen Fernseher und bin gerade in diese Justizvollzugsanstalt verlegt worden. Hier muss ich mehrere Monate auf ein Leih-TV-Gerät warten. Die Tageszeitung ist immer vergriffen, denn es gibt nur ein Exemplar für 84 Gefangene!“

08.09.2014, Gefangene, JVA in Nordrhein-Westfalen
Irgendwie noch beteiligt
„Ich freue mich jeden verdammten Tag hier drin wenn ich die Zeitung bekomme, denn so bin ich irgendwie an dem Leben draußen noch beteiligt. Die Zeitung geht an meine Arbeitskollegen weiter und diese geben sie später noch an andere weiter. Also viel gelesen, die Zeitungsspende von Euch. Sage nun auch im Namen von all den anderen, die mit mir die Zeitung lesen, ‚Vielen Dank!‘ und bitte gleichzeitig, dass ich alles weiter bekomme.“

27.08.2014, Gefangener, JVA in Nordrhein-Westfalen
Gefühl von Wertigkeit
„Mir persönlich hat der Bezug der diversen Zeitschriften und Zeitungen – Dank Ihrer Hilfe – regelmäßig das Gefühl von Wertigkeit gegeben, dass ich nicht vergessen wurde und dass es Teile der Bevölkerung gibt, die nicht die Ansicht vertreten, dass der inhaftierte Mensch zur „Negativauslese der Gesellschaft“ gehört.

29.11.13, Markus, JVA Amberg
Den Kopf fit halten
„Ich sehe etwas Normalität im Zeitungslesen.
Es erinnert mich an bessere Zeiten in Freiheit und hält auch meinen Kopf fit, der sonst in diesem Umfeld kaum gefordert wird. Mit dem Einzug des Fernsehens wird der stupide Kasten kaum ausgeschaltet und man steht unter Dauerberieselung, die nicht gerade soziale Kontakte fördert. Deshalb ist es auch immer etwas besinnlich, wenn ich mich in aller Ruhe über die Zeitung hermache.

Es sind im Gefängnis meist die Kleinigkeiten, wie zum Beispiel eine eigene Zeitung, die man lesen kann, wann man will, die einem ein bisschen Zufriedenheit geben. Ohne Zeitung würde mir die Regelmäßigkeit fehlen, die ich mir inzwischen angewöhnt habe. Nach der Arbeit eine Stunde Hofgang und dann etwas Ruhe einkehren lassen und die Zeitung durchblättern. Dies ist für mich das Signal für den ruhigen Teil des Tages.

Die Zeitung kommt auf unserem Gang mit der Post um ca. 14 Uhr. Da ich wochentags auf der Arbeit bin, kann ich sie erst gegen 18 Uhr lesen. Es gibt im Gefängnis viele Mitgefangene, die froh sind, auch wenn sie eine ein- bis zwei Tage alte Zeitung bekommen, und so macht auch meine Zeitung die Runde. Ich überlasse sie dem Hausarbeiter und der gibt sie am nächsten Tag an einen Dritten weiter. Dass er die Zeitung auch weitergibt, ist wahrscheinlich, aber ich habe nicht danach gefragt. Somit sind es mit mir mindestens drei Leute, die die Zeitung lesen. Nur das Wochen-Fernsehprogramm behalte ich für mich.“

29.11.13, Davor, JVA Aachen
Um die Welt im Knast zu überstehen
„Beim Zeitunglesen finde ich die notwendige Ruhe, die wir Inhaftierten so dringend brauchen, um unsere Welt hier im Knast zu ÜBERSTEHEN. Anders als TV oder Radio kann ich selbst entscheiden, welche Themen mich ansprechen und welche nicht. Ohne die Zeitung würde ein Stück Anbindung zum „normalen“ Leben fehlen. Ich wäre auf den Informationsfluss der TV- oder Radiomedien angewiesen, die aber nie so in die Tiefe gehen wie es zum Beispiel eine Tageszeitung vermag.

Die Tageszeitung wird erst spät gegen 19 oder 20 Uhr hier in der JVA Aachen verteilt. Meist kommen zwei – oft sogar drei – Tageszeitungen an einem Abend. Das liegt wirklich nicht am Versand, sondern an unserer Poststelle. Wir weisen schon seit Jahren auf dieses Dilemma hin. In anderen Anstalten funktioniert die Verteilung reibunglos. So lese ich die Zeitung meist abends, kurz vor Einschluss (also gegen 20.30 Uhr). Ich teile meine Zeitung mit zwei weiteren Langstraflern und bekomme im Tausch den FOCUS.

Die Themen zur Justiz werden meist ausgeschnitten und an die hiesige Anstaltszeitung weitergegeben.“

29.11.13, George, JVA Kassel
Warten, Warten und Warten
„Hier hinter den Gefängnismauern vergeht die Zeit unerträglich schleppend. Was bleibt, ist oftmals nur der Rückzug in die eigene Gedankenwelt.

Die Angst davor, dass das Leben jenseits der Mauern im Laufe der Zeit nur noch Erinnerung wird, wird durch das Zeitunglesen vermindert. Ebenso die Abstumpfung. Die Zeitung ist für mich zum Bestandteil in meinem Tagesablauf geworden. Mein Tagesablauf besteht aus Warten, Warten und Warten. Jeden Tag nach dem Mittagessen warte ich auf die Post und die Zeitung. Für mich eine Art Hoffnung.

Der Vollzugsbeamte bringt die Zeitung auf die Zelle, oft gegen 12.30 Uhr, manchmal später, manchmal erst am nächsten Tag. Am nächsten Tag gebe ich die Zeitung bei der Frühstücksausgabe dem Hausarbeiter, der sie an die JVA-Bücherei weiterleitet.“

22.11.13, Hans Georg, JVA Straubing
Das Geschehen nicht völlig aus den Augen verlieren
„Ich bekomme nun seit fast 10 Jahren ununterbrochen eine Zeitung geliefert. Dies hat mir während meiner Haftzeit sehr geholfen und so habe ich den Kontakt mit der „Außenwelt“ und dem politischen und gesellschaftlichen Geschehen nicht völlig aus den Augen verloren, eine Gefahr, die bei einer so langen Haftzeit immer besteht. Des Weiteren ist der Wirtschaftsteil der SZ sehr hilfreich bei meinem Studium im Fach Wirtschaftsinformatik an der Fernuniversität Hagen.“

22.11.13, Reiner, JVA Landsberg
Mein Fenster in die große Welt
„Die tägliche Tageszeitung ist mein Fenster in die große Welt. Ich kann nach Einschluss, wenn sich die Stunden wie Kaugummi dehnen, durch die Zeitung meine Gedanken in die Welt schicken, die mir zur Zeit versperrt ist. Das Zeitunglesen ist für mich ein wichtiges Ritual in meinem immer gleichen Tagesablauf.

Ohne Zeitung wäre ich auf den Fernseher oder das Radio angewiesen und müsste die Nachrichten und Berichte zu den Zeiten schauen, wenn sie gesendet werden. Die Zeitung lese ich dann, wenn ich Lust dazu habe.

Ich hole die Zeitung täglich nach der Arbeit vom Dienstzimmer. So treffe ich auch meinen Stockwerksbeamten und erfahre, ob ich noch private Post habe. Ich teile die Zeitung noch mit zwei Mitgefangenen, die aufgrund ihrer kurzen Haftzeit keine Möglichkeit für ein Abo haben. Weltgeschehen auf der zweiten Seite, den großen Bericht auf Seite drei und die Wissenschaftsseite.

Auch den lokalen Teil über München lese ich sorgfältig, da ich einen persönlichen Bezug zu dieser Stadt habe. Im bayerischen Strafvollzug hat man schon so viele Vergünstigungen gestrichen (Esspakete, Telefonate), ich hoffe, die tägliche Zeitung wird nicht auch noch verboten.“

22.11.13, Werner, JVA Straubing
Sechs, die sich eine Zeitung teilen
„Auch in Freiheit habe ich schon Zeitung gelesen, um ein wenig das Weltgeschehen zu verfolgen. Ohne Zeitung wäre ich nicht so informiert, da ich im Radio und Fernsehen keine Nachrichten höre bzw. sehe. Meistens sind es Kurznachrichten, die nicht ausreichend informieren.

Die Zeitung wird zu Mittag oder spätestens im Laufe des Nachmittags vom Hausarbeiter vor die Zelle gelegt. Je nachdem, wann sie da ist, lese ich einen Teil nach dem Mittagessen und den Rest nach der Arbeit. Nachdem ich die Zeitung ausgelesen habe, gebe ich sie noch am selben Tag weiter. Am nächsten Tag, wenn ich die neue Zeitung bringe, nehme ich die vom Vortag wieder mit und gebe sie dem Nächsten. Wenn er sie gelesen hat, geht sie gleich weiter. Insgesamt sind wir sechs, die sich eine Zeitung teilen.“

15.11.13, Ulrich, JVA Werl
Eines der wenigen normalen Dinge
„Zeitungen oder Bücher für Gefangene halten manche vielleicht für unnötigen Luxus, aber den Gefangenen selbst ist
eine Zeitung oder Zeitschrift eines der wenigen normalen Dinge in einer anormalen Umgebung. Das tägliche Lesen
der Zeitung hält mich auf dem Laufenden, was das gesellschaftliche und politische genauso wie das kulturelle
Leben betrifft.

Als Strafgefangener im geschlossenen Vollzug ist eine Teilnahme am normalen gesellschaftlichen Leben, zumindest
auf Zeit, nicht mehr möglich, an Kino-, Theater- oder Kneipenbesuche nicht zu denken. Politische Diskussionen finden aus Mangel an geeigneten Gesprächspartnern kaum statt. Normalerweise bekomme ich die

Zeitung im Laufe des Vormittags. Ein JVA-Bediensteter bringt sie in meine Zelle. In der Regel lese ich sie sofort, d.h. in der Mittagspause und am frühen Abend. Danach gebe ich sie an Mitgefangene weiter, die sie wiederum
an andere weiterreichen. Ein Zeitungsabonnement wird in der Regel von vielen Gefangenen mitgenutzt.“

6.11.2013 Hans-Joachim, JVA Straubing
Die Zeitung ist quasi meine Ersatzfamilie
„Das Zeitunglesen ist mein einziger Kontakt nach draußen, und egal in welchem Gebiet, bringt sie mir Informationen von draußen, die ich sonst nicht erhalten würde. Man stelle sich vor, man sitzt über 10 Jahre in einem Kerker ohne jeglichen Kontakt zur Außenwelt und würde dann plötzlich entlassen werden. Würde man da dann zurechtkommen?

An andere Informationen, außer aus der Bücherei, kommt man hier schwer, da man beim monatlichen Einkauf keine Zeitung oder Zeitschrift kaufen kann. Es sind nur Abos in begrenztem Umfang (bis zu 3) möglich. Der Verdienstist so gering, das Essen so wenig,keine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall.

Mit ca. 30 Euro monatlich muss man Schreibmaterialien, Briefmarken, Toiletten- und Gesundheitsartikel kaufen. TV und Radio ist ja nicht immer zugänglich, und dann nur begrenzt.

Die Zeitung ist quasi meine Ersatzfamilie, die mich anspricht, und hat den Vorteil gegenüber anderen Medien, dass, wenn man einen Abschnitt, einen Satz oder ein Wort nicht verstanden hat, kann man ihn mehrmals lesen und vergleichen.

Zeitunglesen gehört zur Kultur mit dazu und deckt alle Bereiche ab. Wenn ich keine Zeitung bekommen würde, würde ich in kurzer Zeit verdummen. Ich interessiere mich für alle Inhalte, die mir die Zeitung bietet. Ich interessiere mich sogar fürs Wetter, ich male und bin an Kunst interessiert, spiele Gitarre und mir gefallen Reiseberichte oder Berichte über den Erhalt eines alten Handwerks. Politik ist hier in Haft ein Muss, schließlich muss man vor den Wahlen schon wissen, wo es langgeht.

Die Zeitung verteilt ein Mitgefangener, sie kommt in der Mittagszeit zur Kostausgabe, manchmal auch erst abends oder am folgenden Tag. Die Zeitung geht durch 20 Hände oder mehr, einige wollen nur verschiedene Beilagen, andere interessieren sich für den Sportteil und bilden dabei Lesegruppen. Der TV-Teil wird zum Lesen in einer Zelle ausgehängt. Das hat sich mit der Weitergabe schon so
eingespielt, dass niemand die Zeitung missen möchte.“

5.11.2013, Ralf, JVA Hannover
Zeitunglesen als tägliches Ritual
„Ich persönlich zelebriere mein tägliches Zeitunglesen und nehme mir die Zeit, mich in aller Ruhe über das Tagesgeschehen in Politik und Wirtschaft und auch im Sport mit fundiertem Hintergrundwissen zu informieren.

Hier bekomme ich die Zeitung erst gegen 16 Uhr und ich lese sie bis gegen 18 Uhr, jeden Tag. Nach mir lesen sie noch vier Personen und sind regelrecht glücklich, selbst wenn sie die Zeitung 3 bis 4 Tage später erhalten.“

14.09.2013, Christian, JVA Celle
„taz-Lesevergnügen“
„Für mich ist die tägliche taz-Lektüre hinter Gittern ein unverzichtbares Stück Freiheit für Seele und Geist, die mir ermöglicht, „sitzend“ auf dem Laufenden zu bleiben. Neben all den zahlreichen ausführlichen Berichten über das vielfältige Weltgeschehen bietet insbesondere die regelmäßige fundierte Berichterstattung zum Themenkreis Strafvollzug eine hilfreiche Orientierung bei der persönlichen Bewältigung vollzuglicher Widrigkeiten. Kein anderes Printmedium informiert so tiefgehend über die Realität der sozialen Abseitsfalle im vergitterten Strafraum der Justiz.

Aber das taz-Freiabo bedeutet für mich auch eine wohltuende Geste persönlich-sozialer Zuwendung und menschlicher Solidarität. Denn hinter jedem Freiabo steht ein konkreter Mensch, dem das Schicksal von Inhaftierten nicht egal ist und der durch seine Spende einen wertvollen Beitrag zum geistigen Überleben hinter Gittern leistet.

Da ich nunmehr seit neun Jahren ununterbrochen in Isolationshaft untergebracht bin, stellt die tägliche Zeitungslektüre für mich ein psychisch ganz besonders stabilisierendes Ritual dar. Dadurch wird das mitunter extrem beklemmende Gefühl sozialer Isolation zumindest zeitweilig kompensiert. Meist erhalte ich mein Zeitungsexemplar bei der Mittagskostausgabe an der Haftraumtür ausgehändigt – quasi als Seelenverpflegung.

Insofern freue ich mich jedes Mal auf diesen Tageshöhepunkt meines ansonsten eher freudlosen vollzuglichen „Nischendaseins“ in der „Hochsicherheits-Eremitage“ der JVA Celle. Bei dieser Gelegenheit einmal herzlichen Dank all denjenigen, die auch mir das regelmäßige taz-Lesevergnügen bisher ermöglicht haben.“

14.09.2013, Michael, JVA Diez
Für die Dauer des Zeitunglesens bin ich nicht in Haft
„Für die Dauer des Zeitunglesens bin ich nicht in Haft, sondern inmitten des gelesenen Geschehens. Gefangene leben in der Regel ja isoliert, wie unter einer Käseglocke, von den Geschehnissen außerhalb der Mauern erfährt man gerade einmal das Notdürftigste. Ohne Zeitung und „frische“ Informationen wäre der Alltag für viele Gefangene sehr trist und eintönig, da Verwahrvollzug leider immer noch in vielen JVAen gegenwärtig ist.

Die Sicherheit(s- Paranoia) verhindert uneingeschränkte Information und große Stücke normalen Lebens. Normalerweise sollte man die Zeitung am Vormittag des gleichen Tages erhalten, aber das schwankt hier sehr. Manchmal erhalte ich sie erst abends oder gar am nächsten Tag. Davon ist auch abhängig, wann ich sie lesen kann.
Grundsätzlich verhalte ich mich wie ein trockener Schwamm gegenüber Wasser. Ich versuche, Wissen und Informationen aufzusaugen.“